Am Sonntag geht es für Merz um alles - T-Online
Friedrich Merz: Der Kanzler unterstützt die CDU im Berliner Wahlkampf. (Quelle: IMAGO/dts Nachrichtenagentur/imago)VorlesenAktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:001xArtikel teilenGuten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,
gemeinhin spielen Landtagswahlen keine allzu große Rolle für die Bundespolitik. Sitzt der Kanzler jedoch auf einem wackeligen Stuhl oder quietscht es in der Koalition und werden die Regierungsparteien dann auch noch abgestraft, können Wahlen in einzelnen Bundesländern gravierende Folgen für die Bundesregierung haben.
So war es bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen 1966: Die CDU verlor in ihrem wichtigsten Bundesland deutlich, während die oppositionelle SPD fast die Hälfte aller Stimmen errang. Die Niederlage im Nacken, zerstritt sich die Union mit der FDP über Steuererhöhungen; die Autorität von Bundeskanzler Ludwig Erhard schmolz rasant. Im Oktober verließen die FDP-Minister die Koalition, Ende November 1966 trat Erhard zurück.
Ähnlich war es bei der Wahl in NRW 2005: Die SPD verlor nach 39 Jahren die Macht an die CDU. Noch am Wahlabend kündigte Parteichef Franz Müntefering an, Kanzler Gerhard Schröder werde Neuwahlen anstreben. Anfang Juli verlor Schröder die Vertrauensfrage absichtlich, im September wurde gewählt – Rot-Grün büßte die Macht ein und Schröder das Kanzleramt.
Eine Parallele gab es auch bei den Wahlen in Bayern und Hessen 2018: CSU und CDU stürzten in beiden Ländern zweistellig ab. Unter starkem Druck der eigenen Leute erklärte Kanzlerin Angela Merkel, nicht erneut für den CDU-Vorsitz zu kandidieren und drei Jahre später auch nicht mehr als Kanzlerin anzutreten. Der Rückzug auf Raten ließ ihre Autorität erodieren, nur mit Mühe beendete sie die Legislaturperiode.
Vergleichbar war die Lage nach den Wahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg 2024: Die im Bund regierenden Parteien SPD, Grüne und FDP wurden in den drei Ländern abgestraft, die FDP verpasste den Einzug in alle Landtage. Zermürbt von den Misserfolgen zankten sich die Ampelkoalitionäre noch heftiger, sechs Wochen später entließ SPD-Kanzler Olaf Scholz Finanzminister Christian Lindner von der FDP. Das Bündnis zerbrach, aus der Neuwahl ging die oppositionelle Union als Siegerin hervor.
Und jetzt, im Herbst 2026? Ist nun wieder so ein Moment, in dem Landtagswahlen über das Schicksal des Bundeskanzlers bestimmen? Nach der krachenden CDU-Niederlage und dem AfD-Triumph in Sachsen-Anhalt wächst der Druck auf Friedrich Merz in seiner eigenen Partei. Die Solidaritätsadresse der CDU-Ministerpräsidenten wirkt bemüht, in der Union ist nach wie vor von einem "Kanzlerproblem" die Rede. Und nun wählen an diesem Wochenende auch noch Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.
Tatsächlich droht der CDU an der Küste eine noch heftigere Klatsche als in Sachsen-Anhalt: In den jüngsten Umfragen steht sie nur noch knapp über der Fünfprozenthürde. Zudem scheinen viele Bürger ihr Wahlvotum aus Verärgerung über die Bundespolitik zu fällen. Das zielt geradewegs auf den unbeliebten Kanzler. Anders sieht es hingegen bei Merz' Koalitionspartner aus: Die SPD kann in Mecklenburg-Vorpommern auf eine starke Amtsinhaberin bauen; in den vergangenen Tagen hat Manuela Schwesig den Umfragerückstand auf die AfD aufgeholt.
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Auch in Berlin tut sich Bemerkenswertes: Bislang lag dort die Linkspartei vorn, doch nach antisemitischen Umtrieben scheint die Partei vielen Wählern suspekt geworden zu sein. Zudem dämmert immer mehr Bürgern, dass die Linken-Pläne zur Wohnraumverstaatlichung für das überschuldete Bundesland nicht nur unbezahlbar wären, sondern auch keine einzige der dringend benötigten neuen Wohnungen schaffen würden. Auch deshalb steigt der Stern von CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers; in der jüngsten Umfrage zieht seine Partei mit der Linken gleich.
Der Endspurt gestaltet sich also spannend – und die Wahlergebnisse könnten letzten Endes gar nicht so miserabel für die im Bund regierenden Parteien ausfallen. Das gäbe Merz zumindest eine Verschnaufpause, womöglich sogar ein wenig Rückenwind.
Trotzdem stellen sich brisante Fragen: Hat die Merz-Regierung noch die Kraft für die notwendigen Großreformen? Warum verlieren die klassischen Volksparteien an Bindungskraft? Profitiert die AfD nur von Protestwählern oder von einer Radikalisierung der Republik? Ist Deutschland überhaupt noch reformierbar, und welche Probleme treiben die Menschen an der Ostsee und in Berlin am stärksten um?
Antworten geben wir im Tagesanbruch-Podcast. Meine Kollegin Nicole Fuchs-Wiecha und ich haben den Wahlforscher Thorsten Faas eingeladen. Ich finde, unserem Gespräch zuzuhören, bietet die optimale Vorbereitung auf den wichtigen Wahlsonntag:
Ich wünsche Ihnen ein gut informiertes Wochenende.
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