Frontstadt in der Ukraine: "Jetzt beginnt dort echter Hunger"

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Seit Mai leben die Menschen in Oleschky von Vorräten und dem, was sie im Sommer geerntet haben. Der Hunger nimmt in der von Russen besetzten Frontstadt jeden Tag zu. Nur wenigen gelingt die Flucht - die Gegend ist vermint. Von F. Kellermann.

Reportage Eine Frontstadt in der Ukraine "Jetzt beginnt dort echter Hunger" Stand: 24.09.2026 • 12:28 Uhr

Seit Mai leben die Menschen in Oleschky von Vorräten und dem, was sie im Sommer geerntet haben. Der Hunger nimmt in der von Russen besetzten Frontstadt jeden Tag zu. Nur wenigen gelingt die Flucht - die Gegend ist vermint.

Ksenia Archipowa hat ihr Telefon immer griffbereit, Tag und Nacht. Sie fühlt sich verantwortlich für die Menschen aus ihrer Heimatstadt. In Oleschky, im Süden der Ukraine, entwickelt sich gerade eine humanitäre Katastrophe.

"Ich kann den Leuten doch nicht nicht antworten. Sie melden sich, wenn sie mal gerade eine Verbindung haben. Zehn Minuten später haben sie vielleicht keine mehr. Wenn es klingelt, lasse ich alles stehen und liegen und höre mir ihre Bitten an", sagt Archipowa.

Oleschky liegt direkt am Dnipro - an der östlichen, von Russland besetzten Seite. Der Fluss bildet hier die Frontlinie.

Die ukrainische Stadt Oleschky liegt direkt an der Front - auf der von Russland besetzten Seite.

Ksenia Archipowa befindet sich seit der russischen Vollinvasion im nicht besetzten Teil der Ukraine. Von hier aus versucht sie seit Jahren, Hilfe für Oleschky zu koordinieren.

Was Ksenia Archipowa von dort hört, sind Stimmen verzweifelter Menschen, die sie, ihre Helferin, mit dem Kosenamen "Ksjuscha" ansprechen: "Ksjuscha, meinen Vater kannst Du von der Evakuierungsliste streichen, er ist in der Nacht gestorben."

Oder: "Ksjuscha, unser Haus ist getroffen worden, wie kommen wir nur raus?" Und: "Ksjuscha, kennst du eine sichere Adresse in Oleschky? Wir wollen umziehen - ins Nebenhaus sind die Russen eingezogen."

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Doch die Frontstadt ist nicht nur besetzt, sie ist auch weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten, wie Archipowa und andere Beobachter berichten. Um die Stadt herum lägen viele Minen.

Die Folge: Die Menschen in Oleschky haben immer weniger zu essen. Eine junge Frau, die noch in der Stadt ist, schreibt der ARD in einer SMS: "Ich esse nur einmal, am Abend. Fladenbrot mit gesalzener Tomate, dazu Tee."

"Das letzte Lieferauto mit Nahrungsmitteln kam am 26. Mai durch", sagt Archipowa. "Im Sommer ist bei den Leuten in den Gärten etwas gewachsen. Kartoffeln, gelbe Rüben, Zucchini. Alle haben die ganze Zeit Zucchini gegessen. Aber jetzt ist Herbst, jetzt beginnt dort echter Hunger."

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Die Angaben, wie viele Menschen noch in Oleschky leben, gehen auseinander. Ksenia Archipowa spricht von etwa 1.200, ukrainische Politiker von etwa 2.000.

Russland macht die Ukraine für die Lage in Oleschky verantwortlich. Sie verhindere durch Beschuss, dass Russland die Stadt versorgen könne, erklärte Kremlsprecher Dmitrij Peskow vor kurzem.

Dem widersprechen nicht nur die Ukraine, sondern auch unabhängige Journalisten wie Zarina Zabrisky. Sie recherchiert seit vielen Monaten zu Oleschky. Russland halte die Menschen absichtlich in der von Minen umgebenen Stadt fest.

"Die ukrainischen Zivilisten werden als menschliche Schutzschilde missbraucht", so Zabrisky. "Ich habe viele Augenzeugenberichte: Die Russen bringen ihre Positionen, Artilleriepositionen und Drohnenpiloten-Nester, in die Häuser von Zivilisten. Manchmal verstecken sie sich wortwörtlich hinter diesen Leuten."

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Besonders schlimm ist für die Beobachter, dass die Menschen in Oleschky schon seit Monaten Verstorbene nicht beerdigen dürfen. Das verbiete die russische Armee, sagt Archipowa. Russische Soldaten, die dies auch verurteilten, hätten ihr das über einen Kommunikationskanal in einem sozialen Netzwerk bestätigt.

Der ukrainische Ombudsmann für Menschenrechte, Dmytro Lubinetz, gibt an, schon vor Monaten hätten Vertreter Russlands und der Ukraine über einen Korridor verhandelt, um die Menschen aus Oleschky zu evakuieren.

Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes sei bereit, ihn zu begleiten. Doch die russische Seite sei zu einem solchen Schritt bisher nicht bereit.

Dieses Thema im Programm: NDR Info | Nachrichten | 24.09.2026 | 07:37 Uhr

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