Großrazzia - Offenbar rund eine Million gefälschte Handys im Umlauf
Exklusiv Gefälschte Handys Großrazzia gegen mutmaßliche Handy-Betrügerbande Stand: 29.09.2026 • 09:00 Uhr
Äußerlich waren sie nicht von Samsung-Modellen zu unterscheiden: Rund eine Million minderwertige Handys soll eine mutmaßliche Betrügerbande verkauft und Steuern hinterzogen haben. Jetzt schlugen die Behörden nach Informationen von WDR, NDR und SZ zu.
Die Ermittler rückten an diesem Dienstag in den frühen Morgenstunden an. Europaweit gehen Zoll, Polizei und Steuerfahnder gegen Hintermänner eines Firmennetzwerkes vor, das in Verdacht steht, in großem Stil gefälschte Handys an Privatkunden verkauft und viele Millionen Steuern hinterzogen zu haben. Nach Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung (SZ) durchsuchten Fahnder rund 160 Objekte in 19 Ländern. Sieben Beschuldigte wurden bereits am Wochenende verhaftet.
Zentrum der Maßnahmen ist Nordrhein-Westfalen. In Krefeld verschafften sich Ermittler Zutritt zu einer Lagerhalle, in der die Gruppierung Tausende der mutmaßlich gefälschten Handys deponiert haben soll. In Düsseldorf nahmen Spezialkräfte des Zolls im Auftrag der Europäischen Staatsanwaltschaft den 43-jährigen Ukrainer Oleksiy S. fest. Gemeinsam mit dem Moldauer Eugen R. und etlichen Mitbeschuldigten soll Oleksiy S. eine kriminelle Vereinigung gegründet haben.
Beide Männer sollen nach Angaben aus Justizkreisen wegen Betrugsdelikten vorbestraft sein. Die Europäische Staatsanwaltschaft bestätigte auf Anfrage laufende Maßnahmen in einem Ermittlungsverfahren wegen Umsatzsteuerbetruges und kündigte weitere Informationen für den Verlauf des Tages an.
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Laut vertraulichen Dokumenten, die WDR, NDR und SZ einsehen konnten, werfen die Ermittlern den beiden Hauptbeschuldigten vor, seit 2017 ein komplexes Betrugssystem aufgebaut zu haben, um aus alten Bauteilen zusammengesetzte Smartphones als fabrikneue Samsung-Handys im Internet anzubieten. Bis heute, so berichten es mit dem Vorgang vertraute Beamte, habe die Gruppe geschätzt rund eine Million der Geräte über Online-Plattformen wie Amazon verkauft - den Großteil davon an arglose Kunden in Deutschland. Wie aus internen Behördenunterlagen hervorgeht, sollen die Beschuldigten so seit 2017 mindestens 300 Millionen Euro Umsatz gemacht haben.
Dabei sollen Oleksiy S., Eugen R. und ihre mutmaßlichen Komplizen sich unzähligen Briefkastenfirmen, Strohmännern und verschachtelten Geldflüssen rund um den Globus bedient haben. Die Masche laut der Ermittlungsunterlagen: Die Bande soll auf asiatischen und arabischen Märkten gebrauchte Mobiltelefonteile gekauft haben, anschließend diese in Werkstätten in Dubai und Hongkong penibel gereinigt, neu zusammengebaut, in Kartons verpackt und professionell versiegelt haben. Äußerlich nicht von echten Samsung-Modellen zu unterscheiden, sollen die wohl minderwertigen Telefone danach in die EU eingeführt worden sein.
Zudem soll die Bande, so der Verdacht der Ermittler, allein in Deutschland mindestens 24 Millionen Euro an fälligen Steuern hinterzogen haben. Demnach sei mit dem Verkauf der gefälschten Handys auch ein ausgeklügeltes Umsatzsteuerbetrugssystem einher gegangen, heißt es in den Unterlagen.
Zunächst soll die Einfuhrumsatzsteuer für Importe in die EU umgangen worden sein. Per Schiff oder Flugzeug seien die Handys demnach zuerst in den Niederlanden angekommen. Ermittlungsvermerken zufolge sollen die beteiligten Firmen anschließend vorgetäuscht haben, die Telefone bald weiter in andere Länder zu liefern, meist nach Osteuropa. Die Einfuhrumsatzsteuer wäre unter diesen Umständen zunächst erlassen worden.
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Wie aus den internen Behördendokumenten hervorgeht, wanderten die Handys allerdings nur auf dem Papier nach Osteuropa, tatsächlich wurde der Großteil offenbar direkt nach Deutschland gebracht. Ein mutmaßlich von der Gruppe um Oleksiy S. und Eugen R. kontrolliertes Logistik-Unternehmen soll die Geräte zum Beispiel in ein Lagerhaus in Krefeld geliefert haben.
Um das zu verschleiern, sollen die Handys, die längst in Deutschland waren, nur zum Schein über mutmaßliche Briefkastenfirmen immer weitergewandert sein, bis eine Rückverfolgung kaum mehr möglich war.
Am Ende wurden die Geräte von Endkundenfirmen über Handelsplattformen im Internet verkauft, vor allem in Deutschland. Auch die Endkundenfirmen sollen laut den Vermerken von der Gruppe um S. und R. kontrolliert worden sein. So sollen die Beschuldigten Umsatzsteuer im großen Stil hinterzogen haben.
Kundenbewertungen eines der Unternehmen aus dem Netzwerk, die "FBA Services B.V.", deuten immer wieder auf Unregelmäßigkeiten hin. "Smartphone hatte immer wieder starke Probleme beim Neustart. Nachfrage bei Samsung mit Check der Geräte-ID ergab, dass es sich nicht um Neuware handelte", schrieb zum Beispiel ein Kunde im Februar bei Amazon, der offenbar eines der vermeintlichen Samsung-Originale gekauft hatte.
"Achtung", so ein anderer Kunde im März, der Verkäufer verschicke Modelle "aus Indien, obwohl der Artikel ganz klar als deutsche Version beworben wird".
Doch viele Käufer, sofern sie denn echte Kunden waren, scheinen den möglichen Betrug zunächst nicht zu bemerken. Ende September wurde die Firma auf Amazon mit 4,3 von 5 Sternen bewertet.
Eine kurzfristige Anfrage zu dem mutmaßlich betrügerischen Geschäftsmodell und offenbar nicht gezahlten Umsatzsteuern in Millionenhöhe ließ "FBA Services B.V." bislang unbeantwortet.
Antworten von Amazon und Samsung zu einer Anfrage bezüglich der mutmaßlich betrügerischen Händler stehen noch aus.
Der Verdacht gegen die Firmen, die mutmaßlich von Oleksiy S. und Eugen R. kontrolliert wurden, gründet laut Ermittlungsvermerken unter anderem auf Observationen und abgehörten Telefonaten. Demnach soll aus einem Gespräch Mitte Juni hervorgehen, dass S. und seine mutmaßlichen Komplizen pro Monat zwischen 10.000 und 20.000 der offenbar gefälschten Handys aus China und Dubai nach Europa einführten.
Die offensichtlich hohen Gewinne sollen S. und R. den Behördenerkenntnissen zufolge in Luxus aller Art investiert haben. Wie aus den internen Dokumenten hervorgeht, hörten Ermittler unter anderem mit, wie Oleksiy S. mit einem Makler den Kauf einer Immobilie besprach. Sein Budget, soll der Ukrainer dem Makler mitgeteilt haben, belaufe sich auf drei Millionen Euro.
Eugen R., der sich laut Insidern wohl häufig in Dubai aufhält, soll den Unterlagen zufolge unter anderem mit einem Rolls-Royce "Cullinan Black Badge" unterwegs sein. Neupreis des Basismodells: mehr als 400.000 Euro.
Eine ebenfalls kurzfristige schriftliche Anfrage zu den Vorwürfen gegen Oleksiy S. und Eugen R. an die mutmaßliche Muttergesellschaft des Firmennetzwerks blieb bislang unbeantwortet.
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Ins Rollen kam der Fall nach Recherchen von WDR, NDR und SZ erst im vergangenen Jahr durch einen anonymen Hinweisgeber. Wie aus einem vertraulichen Dossier hervorgeht, wandte sich der Informant an eine Logistikfirma und warnte vor den dubiosen Machenschaften der Geschäftsleute S. und R.
Wenig später versorgte die unbekannte Quelle auch das Zollfahndungsamt in Essen mit offensichtlich internen Informationen aus dem Netzwerk. Der Zoll startete aufwendige Ermittlungen.
Aufgrund des Umfangs führt die auf grenzüberschreitende Betrugsdelikte spezialisierte Europäische Staatsanwaltschaft das Verfahren. Die Ermittlungen dauern noch an.
Dieses Thema im Programm: tagesschau.de | Groß-Razzia gegen mutmaßliche Handy-Betrügerbande | 29.09.2026 | 09:00 Uhr
