Hoffen auf Israel: die Drusen auf den Golanhöhen
Nahost Die Drusen auf den Golanhöhen hoffen auf Israel Stand: 24.09.2026 • 01:58 Uhr
Auf den von Israel annektierten Golanhöhen fühlten sich die meisten Drusen jahrzehntelang Syrien zugehörig, man lehnte die israelische Staatsbürgerschaft ab. Doch Krieg und Gewalt erschüttern alte Gewissheiten.
Laith Abu Saleh drückt die Eisengitter zum Fußballplatz auf. Der Wind weht. Wie so oft auf den Golanhöhen. 1967 besetzte Israel das syrische Gebiet. Bis heute leben hier auf diesen biblisch anmutenden Höhen nordöstlich vom israelischen Kernland Drusen. Eine mystisch-religiöse Glaubensgemeinschaft, die sich im elften Jahrhundert aus dem schiitischen Islam heraus entwickelte.
Der 27. Juli 2024 war ein heißer trockener Tag, trotzdem begannen die Kinder am späten Nachmittag auf dem Fußballplatz des drusischen Dorfes Madschdal Shams zu spielen.
Zu diesem Zeitpunkt beschießen sich bereits - nicht weit entfernt im Grenzgebiet zwischen Israel und dem Libanon - seit Monaten die israelische Armee und die proiranische Hisbollah-Miliz nahezu täglich über die Demarkationslinie zwischen Israel und dem Libanon hinweg. Zehntausende Menschen haben den Norden Israels und den Süden des Libanon verlassen.
Gedenken an die am 27. Juli 2024 getöteten Kinder aus Madschdal Shams. Sie spielten Fußball, als sie von einer Rakete iranischer Bauart getroffen wurden.
Es ist 18:18 Uhr, als die Warnsirenen im Dorf ertönen, nur Sekunden später schlägt eine schwere Falaq-1-Rakete iranischer Bauart neben dem Platz ein. Zehn Kilometer weit entfernt wurde sie mutmaßlich von der schiitischen Terrororganisation der Hisbollah aus dem Libanon abgefeuert. Bis heute bestreitet die proiranische Miliz den Abschuss.
Laith Abu Salehs Geschäft befindet sich nur 50 Meter entfernt vom Fußballplatz. Er weiß, dass sein Sohn heute Fußballspielen wollte. Abu Saleh schluckt, während er spricht:
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Neben dem Fußballfeld von Madschdal Shams wehen zwei Flaggen im Wind: die israelische und die fünffarbige Flagge der Drusen. Rund 30.000 Drusen leben auf den Golanhöhen.
Über Jahrzehnte verstanden sich viele von ihnen vor allem als syrische Drusen, lebend auf einem Gebiet, das Israel 1967 eroberte und 1981 annektierte. International wird diese Annexion weitgehend nicht anerkannt.
Seit 1981 bietet Israel den Drusen auf den Golanhöhen die israelische Staatsbürgerschaft an. Doch für viele war die Ablehnung auch eine Frage der Identität und der Verbundenheit mit Syrien. Die große Mehrheit nahm keinen israelischen Pass, sondern lebte mit dauerhaftem Aufenthaltsstatus.
Vater Laith Abu Saleh und sein Sohn Fajr. Er wurde nur 16 Jahre alt.
Doch diese Haltung beginnt sich zu verändern. Auch bei Laith Abu Saleh. Sein 16-jähriger Sohn Fajr starb noch in der Nacht an seinen Verletzungen durch den Raketenangriff. Wie elf weitere Kinder. Laith Abu Saleh kann sich nur an Kondolenzen aus der israelischen Bevölkerung erinnern, dort habe man Anteil an diesem Ereignis genommen. Auch die israelischen Medien berichteten darüber, sagt er, dass hier leider zwölf Kinder getötet wurden. Doch kein arabischer Sender und kein arabisches Land habe dieses Ereignis so aufgegriffen, dass Laith das Gefühl bekommen hätte: "Sie stehen uns bei oder fühlen mit uns."
Es ist eines der traumatischen Ereignisse, die zu einem Wendepunkt bei den Drusen auf den Golanhöhen geführt hat. Laith hatte bisher nur den syrischen Pass. Zögerlich gibt er zu, dass er jetzt die israelische Staatsbürgerschaft habe. Er habe sie nach dem tragischen Tod seines Sohnes angenommen.
Er spricht auch die politischen Entwicklungen in Syrien an, die immer mehr Drusen bewegten, einen israelischen Pass zu beantragen.
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Die syrisch-israelische Waffenstillstandslinie auf den Golanhöhen ist rund 80 Kilometer lang. Sie verläuft vom Berg Hermon im Norden bis zum Dreiländereck mit Jordanien im Süden.
Salman Fakhr al Deen sieht über den Grenzzaun. Er ist 73 und Rentner. Bisher fühlte sich dem syrischen Staat solidarisch, kämpfte gegen die Besatzung Israels. Er würde niemals einen israelischen Pass besitzen wollen, das wäre Verrat, meint er. Trotzdem hat er Verständnis für den Sinneswandel, gerade der jungen Generation. Denn sie seien in zweifacher Hinsicht Opfer. Opfer der israelischen Besatzung und Opfer der Brutalität der islamistischen Bewegung in Syrien.
Nur rund 100 Kilometer Luftlinie von Madschdal Shams entfernt liegt Suwaida, das Zentrum der Drusen im Süden Syriens. Im Juli 2025 eskalierten dort Kämpfe zwischen Drusen und Beduinen. Auch syrische Regierungstruppen griffen ein und wurden beschuldigt, sich an der Gewalt gegen Drusen beteiligt zu haben. Innerhalb weniger Tage starben mehr als 2.000 Menschen.
Für viele Drusen wurde Suwaida zum Trauma. Hunderte Drusen vom Golan stürmten im Juli 2025 die Grenze, um ihren Glaubensbrüdern zu helfen. Heute sprechen einige dabei von ihrem "siebten Oktober" - und ziehen damit einen Vergleich zum Angriff der Hamas 2023.
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Zwischen 2022 und 2024 gab es jährlich etwa 500 bis 600 Anträge für einen israelischen Pass. 2025 beantragten 3.750 Drusen die israelische Staatsbürgerschaft. Im März 2026 waren rund 40 Prozent der Drusen auf den Golanhöhen eingebürgerte israelische Staatsbürger. Offen zugeben will man es immer noch nicht gern.
Wer letztendlich einen israelischen Pass hat, werden wir spätestens bei den Wahlen sehen, bemerkt Laith Abu Saleh, als er auf das Fußballfeld sieht, auf dem heute wieder Kinder spielen.
Die Straßen füllen sich, Jung und Alt aus allen fünf Dörfern sind nach Madschdal Shams gekommen. Um zwölf Uhr mittags ist ein greiser Mann ihrer Gemeinschaft verstorben. Um 19 Uhr beginnt der Trauerzug. Trennen wird die Gemeinschaft kein Pass der Welt, so scheint es.
Dieses Thema im Programm: NDR Info | Nachrichten | 23.09.2026 | 12:47 Uhr


