Kenias Präsident setzt auf Stimmung gegen Migranten
William Ruto Kenias Präsident setzt auf Stimmung gegen Migranten Stand: 20.09.2026 • 14:09 Uhr
Weit mehr als 10.000 Menschen aus Burundi haben in Kenia Zuflucht gefunden, oft halten sie sich mit kleinen Jobs über Wasser. Doch viele denken über eine Rückkehr nach, denn die Regierung macht Stimmung gegen sie. Warum tut sie das?
Pierre steht mit seinem kleinen Stand am Rand einer großen Ausfallstraße in Nairobi. Seinen echten Namen möchte er nicht veröffentlicht wissen. Pierre stammt aus Burundi, ist 19 Jahre, arbeitet seit zwei Jahren in der kenianischen Hauptstadt. Sein Heimatland ist eines der ärmsten der Welt. Daheim, sagt Pierre, finde er "keine ordentliche Arbeit". Er wolle aber selbst für seinen Lebensunterhalt aufkommen, deshalb suche er nun in Kenia ein besseres Leben.
In Nairobi verkauft Pierre Snacks - Würstchen, Fladenbrote, hartgekochte Eier. Damit verdient er umgerechnet rund drei Euro am Tag. An diesem Tag ist er hier der einzige Händler aus Burundi. Viele andere trauen sich derzeit nicht auf die Straße. Sie haben Angst vor Anfeindungen oder Überfällen.
Auch Pierre sagt, er sei bereits attackiert worden: "Leute, die hier vorbeigegangen sind, haben mich bedroht. Sie sagen, dass wir Leute aus Burundi ihnen nicht die Jobs wegnehmen sollen. Einige haben versucht, mich auszurauben."
Auch eine Arbeit, die Migranten aus Burundi verrichten: Dieser Mann wäscht Pkw in einer Autowaschanlage in Nairobi.
Auslöser dieser Anfeindungen sind Äußerungen des kenianischen Präsidenten William Ruto. Er hatte erklärt, es werde nicht länger geduldet, dass ausländische Händler oder Straßenverkäufer ohne Arbeitserlaubnis in Kenia Geschäfte tätigen. Der Kleinhandel solle stärker den Kenianern vorbehalten sein.
Im Parlament gibt es derzeit einen Gesetzesentwurf, der darauf abzielt, ausländische Unternehmen, die in Kenia tätig sind, dazu zu zwingen, lokale Lieferanten und Mitarbeiter zu bevorzugen. Ruto betont, dass der Entwurf auch vorsehe, "dass es bestimmte Geschäfte gibt, die Ausländer hier in Kenia nicht machen dürfen".
Die erste Amtszeit von Präsident Ruto verläuft schwierig. Vor allem die wirtschaftliche Entwicklung bereitet vielen Kenianern Sorge.
In rund einem Jahr wird in Kenia ein neuer Präsident gewählt, und schon jetzt steigt der Druck auf Ruto. Vertreter kenianischer Handelsverbände beklagen steigende Steuern und Geschäftskosten.
Die Wirtschaft befindet sich in einer Flaute. Das Wachstum liegt zwar bei knapp fünf Prozent, aber die Inflation ist mit rund acht Prozent recht hoch. Zudem leidet Kenia seit Jahren unter einer sehr hohen Staatsverschuldung - sie beträgt rund 65 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Deshalb verfügt der Staat nur begrenzt über neue Investitionsmittel.
Zudem ist die Unzufriedenheit in der Bevölkerung hoch. Viele Kenianer leiden unter niedriger Kaufkraft und hoher Arbeitslosigkeit, insbesondere junge Menschen. Kritiker sehen in dem Vorgehen gegen ausländische Händler deshalb auch den Versuch, vor der nächsten Präsidentschaftswahl die Unterstützung wirtschaftlich schwacher Bevölkerungsschichten zu gewinnen.
Der unabhängige Politikanalyst Ahmed Hashi aus Nairobi hält Rutos Äußerungen für eine Wahlkampfstrategie: "Der Grund, warum Ruto gegen diese Menschen aus Burundi kämpft, ist, dass er es selbst nicht geschafft hat, Arbeitsplätze für die Menschen hier im Land zu schaffen. Der Präsident schürt Emotionen gegen andere Ethnien, damit Menschen sich gegen Ausländer stellen."
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Rutos Äußerungen haben bei vielen ausländischen Kleinhändlern große Sorgen ausgelöst, vor allem bei denen aus Burundi. In Kenia leben nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks rund 16.000 burundische Flüchtlinge und Asylsuchende. Viele von ihnen haben keine gültigen Papiere.
Sie sind eine kleine, aber wichtige Gruppe für die Versorgung von Menschen mit wenig Einkommen. Die Kleinhändler aus Burundi in Nairobi verkaufen vor allem Kaffee, Tee, Erdnüsse, kleine Speisen und gebrauchte Kleidung. Viele Kenianer wollen diese gering bezahlten Jobs nicht machen.
Nach Rutos Angriffen bildeten sich vor der Botschaft Burundis in Nairobi lange Schlangen von Geflüchteten, die wieder in ihre Heimat zurückwollen.
Rutos Pläne gegen ausländische Kleinhändler hat im Land ein erhebliches Echo ausgelöst. Deshalb ist die Regierung mittlerweile ein wenig zurückgerudert. Der Präsident sei missverstanden worden, es gehe hauptsächlich darum, die Situation dieser Arbeiter zu regeln, nicht sie zu vertreiben. Dennoch: Die Verunsicherung ist geblieben.
In der Bevölkerung ist dagegen eine große Solidarität mit den ausländischen Händlern zu spüren. Viele Kenianer halten das Vorgehen des Präsident für falsch. Einer von ihnen ist Keith, 26 Jahre, er arbeitet im IT-Bereich. "Ich finde das nicht fair. Südafrika hat vor Kurzem dasselbe durchgemacht, diese Fremdenfeindlichkeit. Wir sollten alle Afrikaner gleich behandeln. Jeder sucht doch nach einer Gelegenheit zu arbeiten."
Dieser Burundier hat bereits seine Habseligketen gepackt, um Kenia zu verlassen.
Durch Südafrika ging in diesem Jahr eine beispiellose Welle der Fremdenfeindlichkeit. Initiativen machten Zuwanderer für die hohe Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität im Land verantwortlich. Tausende Menschen vor allem aus Ghana, Nigeria, Mosambik, Simbabwe und Malawi fürchteten um ihre Sicherheit und ihr Leben. Viele Migranten ohne gültige Aufenthaltserlaubnis verließen Südafrika.
Einen wachsenden Druck auf Ausländer gibt es auch im kenianischen Nachbarland Tansania. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen äußert wachsende Sorge über mögliche Zwangsrückführungen burundischer Flüchtlinge aus Tansania. Seit Jahresbeginn seien Zehntausende burundische Flüchtlinge aus Tansania in ihre Heimat zurückgekehrt. Tansanias Regierung gibt an, das sei im Rahmen eines Rückführungsabkommens mit dem Nachbarstaat geschehen.
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Auch in Kenia sorgen sich viele Kleinhändler aus Burundi um ihre Existenz und ihre Sicherheit. Hunderte burundische Staatsbürger ohne Ausweise haben sich bereits in ihrer Botschaft in Nairobi eingefunden, um einen Pass zu beantragen, der ihnen die Rückkehr in die Heimat erlaubt.
Pierre, der junge Händler am Straßenrand, erzählt, dass seine Eltern in Burundi Angst um ihn hätten. Sie hätten ihn gebeten, nach Hause zurückzukommen. Denn es sei besser, im eigenen Land zu leiden, als weit weg im Ausland. Pierre sieht keine Zukunft für sich in Kenia: "Weil der Präsident diese Dinge sagt, haben wir keine andere Wahl, als dieses Land zu verlassen. Im Moment spare ich für ein Ticket. Sobald ich das Geld zusammenhabe, werde ich zurück nach Hause fahren."
Dieses Thema im Programm: MDR aktuell – Das Nachrichtenradio | Nachrichten | 16.09.2026 | 10:51 Uhr


