SIM-Karte, 5G, Sprengsatz: So trickste die Drohne den Flughafen Leipzig/Halle aus - T-Online
Ein Polizeibeamter arbeitet nach dem Drohnenfund am Flughafen Leizipg/Halle: Womöglich wurde die Drohne per Mobilfunk aus weiter Ferne gesteuert. (Quelle: IMAGO/EHL Media/imago)VorlesenAktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:001xArtikel teilenDie Ermittlungen zur Sprengstoffdrohne laufen unter Hochdruck. Nun werden Aufbau und Steuerungstechnik des Geräts immer genauer bekannt.
Nach dem Fund einer Sprengstoffdrohne auf dem Flughafen Leipzig/Halle laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Viele Fragen sind nach wie vor offen, bei ihrer Aufklärung hat der Generalbundesanwalt die Federführung übernommen. Aus den Ländern kommen Forderungen nach einem besseren Schutz der Flughäfen. Zugleich werden immer mehr Details des Vorfalls bekannt.
So hat der Mitarbeiter des Flughafens, der die Drohne in der Nacht zum Mittwoch kurz vor Mitternacht entdeckt hatte, großes Glück gehabt. Er holte das mit einer Sprengstoffvorrichtung bestückte Fluggerät nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen mit einem Fußtritt aus der Luft und brachte es zu Boden.
Nach Angaben des Landeskriminalamts Sachsen hatte er die Drohne auf der Start- und Landebahn "Südpiste" bemerkt. Sie befand sich nach Angaben aus Sicherheitskreisen nahe einer ukrainischen Transportmaschine vom Typ Antonow AN-124 Condor.
Eine Antonow An-124 am Flughafen Stuttgart: Eine solche Maschine war womöglich das Ziel der gefundenen Drohne. (Quelle: IMAGO/Daniel Kessler/imago)Laut übereinstimmenden Informationen von "Spiegel" und "Bild"-Zeitung hielt sich die Drohne jedoch schon gut vier Stunden früher in diesem Bereich des Flughafens auf. Demnach soll das Gerät auf bislang unbekannten Videoaufnahmen zu sehen sein, die auf Dienstagabend gegen 19.30 Uhr datiert sind.
Nach dpa-Informationen aus Sicherheitskreisen ist inzwischen bestätigt, dass für den Sprengsatz die Explosivstoffe Semtex und PETN verwendet wurden. Der Plastiksprengstoff Semtex wird bei kommerziellen Sprengungen eingesetzt. Er gelangte im Kalten Krieg mehrmals in die Hände von Terroristen – so wurde er 1988 beim Lockerbie-Bombenanschlag eingesetzt, der ein Verkehrsflugzeug über Schottland zum Absturz brachte.
Unter Berufung auf Ermittlungsergebnisse berichtet die "Bild"-Zeitung zudem über den Aufbau der Sprengvorrichtung. Demnach befand sich der Sprengstoff in einer handelsüblichen Konservendose, die an der Drohne befestigt war. Der Zünder sei in einem Loch am Boden der Dose montiert gewesen. Außerdem soll die Drohne über eine Abwurfvorrichtung verfügen. Spezialisten der Bundespolizei entschärften die Sprengvorrichtung.
Weiterhin soll die Drohne dem Bericht zufolge mit zwei SIM-Karten ausgestattet gewesen sein, die zur Steuerung der Drohne oder zur Steuerung der Abwurfvorrichtung dienen könnten. Das ZDF-Magazin "frontal" hatte bereits am Donnerstag berichtet, dass an der Drohne 5G-Antennen verbaut gewesen seien.
Ermittlungen am Flughafen Leipzig/Halle: Mittlerweile hat die Generalstaatsanwaltschaft übernommen. (Quelle: IMAGO/EHL Media/imago)Der Drohnenexperte Christian Kaiser nannte dies im ZDF einen "Supergau für die Detektion". Mit der Mobilfunktechnik sei eine Steuerung der Drohne aus großer Entfernung problemlos möglich: "Der Pilot kann theoretisch in einem Café in Leipzig oder auch im Ausland sitzen – er benötigt lediglich Internet an seinem Endgerät", so Kaiser. Und ein Frequenzscanner am Flughafen könne eine mit dieser Technik ausgestatteten Drohne nicht von einem Mobiltelefon unterscheiden. so Kaiser. Tatsächlich schlugen die vorhandenen Detektionssysteme des Flughafens Leipzig/Halle am Dienstag wohl nicht aus. Stephan Kraschansky, Experte des Detektionsunternehmens Aaronia, sagte dagegen in einem Interview mit t-online, mit besserer Detektionstechnik wäre die Drohne zu entdecken gewesen.
Unterdessen berichtet der "Spiegel", dass Ermittler Teile der Drohne auf einer Tragfläche der ukrainischen Antonow-Frachtmaschine gefunden hätten, in deren Nähe die Drohne später gefunden wurde. Dies bedeute, dass die Drohne "entweder kurzzeitig knapp über den Tragflächen befunden haben muss oder sogar dagegen gekracht sein könnte", so das Magazin. Eine Explosion in diesem Bereich kann schwerwiegende Folgen haben: Die Tragflächen tragen Treibstofftanks in sich. Die betroffene Antonow soll am Dienstagabend voll betankt gewesen sein.
Am Donnerstag hieß es zudem zunächst, dass die Antonow auch mit militärischer Munition beladen gewesen sein soll. Später wurde dies von verschiedenen Stellen jedoch dementiert. Der Obmann der Unionsfraktion im Innenausschuss, Detlef Seif (CDU), sagte der Nachrichtenagentur Reuters, aus allen bisherigen Gesprächen sei die Information gekommen, "dass die Flugzeuge nicht beladen waren mit Munition oder Waffenmaterial".
Nach dem Drohnenfund war auf dem Flughafen ein mutmaßlich zweites unbekanntes Flugobjekt mit einem Frachtflugzeug zusammengestoßen, das wegen der Sperrung der Landebahn wieder durchgestartet war. Bei der Maschine seien nach der Landung in Hannover leichte Beschädigungen festgestellt worden, hieß es. In dieser Sache gibt es jedoch bislang keine neuen Erkenntnisse aus Ermittlerkreisen.
