"Stehen am Anfang eines größeren Krieges" - T-Online

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Alexandar Vučić: Eine militärische Zusammenarbeit mit der Ukraine schließt der serbische Präsident derzeit aus. (Quelle: IMAGO/Marko Dimic/imago)VorlesenAktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:001xTeilenSerbiens Präsident warnt vor einer Eskalation in Europa – und zeichnet ein düsteres B...

Alexandar Vučić: Eine militärische Zusammenarbeit mit der Ukraine schließt der serbische Präsident derzeit aus. (Quelle: IMAGO/Marko Dimic/imago)VorlesenAktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:001xTeilenSerbiens Präsident warnt vor einer Eskalation in Europa – und zeichnet ein düsteres Bild des Kriegsverlaufs in der Ukraine.

Der Besuch von Wolodymyr Selenskyj in Belgrad hat internationale Schlagzeilen ausgelöst. Serbiens Regierung gilt als moskautreu, die Ukraine wird von Russland mit einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg überzogen – trotzdem möchten beide Länder enger zusammenarbeiten. Darüber sprach der serbische Präsident Alexandar Vučić mit seinem ukrainischen Kollegen Wolodymyr Selenskyj, der am Sonntag erstmals Belgrad besuchte.

Eine militärische Zusammenarbeit mit der Ukraine war kein Thema, wie Vučić bei einer Pressekonferenz betonte. Er verneinte, dass Serbien zusammen mit der Ukraine Drohnen bauen wolle. Eine derartige Kooperation sei allerdings mit Israel geplant, sagte er. Vertreter beider Länder unterzeichneten eine Absichtserklärung zur Kooperation in Landwirtschaft und Lebensmittelsicherheit. Ein Freihandelsabkommen solle bis Ende des Jahres ausgearbeitet werden, sagte Selenskyj. Er dankte auch für die humanitäre Hilfe Serbiens für den Medizin- und Energiebereich in der Ukraine.

Vučić erklärte, dass sein Land die territoriale Integrität der Ukraine unterstütze. Er dankte Kiew dafür, im Fall Serbiens dasselbe zu tun: "Wir sind der Ukraine dankbar für die Unterstützung der territorialen Integrität Serbiens", sagte er. Dabei erwähnte Vučić die frühere serbische Provinz Kosovo nicht, die 2008 nach einem blutigen Krieg ihre Unabhängigkeit erklärt hat – zielte aber offensichtlich darauf ab. Die meisten EU-Staaten erkennen diese Abspaltung Kosovos an, nicht aber Serbien – und auch nicht die Ukraine. Kiew will keinen Präzedenzfall schaffen, mit dem sich die Abspaltung des von Russland reklamierten Donbass und der Halbinsel Krim rechtfertigen ließe.

Selenskyj (l.) und Vučić: Kooperation trotz Moskau-Nähe Belgrads. (Quelle: IMAGO/PRESIDENT OF UKRAINE \ apaimages/imago)"Ich glaube, dass wir am Anfang eines größeren Krieges stehen"Nach dem Treffen mit Selenskyj äußerte sich Vučić im Podcast "MD MEETS" von Axel-Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner besorgt über die Entwicklung in Europa. "Ich glaube, dass wir am Anfang eines größeren Krieges stehen. Und deshalb hatte ich gehofft, dass inzwischen jemand anderes etwas getan hätte, um Frieden zu schaffen. Das ist nicht geschehen, und es wird auch nicht bald geschehen, was bedeutet, dass wir am Rande eines viel, viel größeren Krieges stehen", sagte er.

Im Podcast äußerte Vučić auch seine Einschätzung zum Kriegsverlauf: "Ich sehe kein Ende des Krieges in diesem Jahr. Ich sehe kein Ende des Krieges vor dem kommenden Frühjahr. Ich sage Ihnen, warum: Weil ich glaube, dass eine Seite stärker und – auf die eine oder andere Weise – siegreich sein muss, damit der Krieg endet. Andernfalls sehe ich angesichts der heutigen Pattsituation keine Möglichkeit für Kompromisslösungen."

Als Grund für die festgefahrene Lage nannte Vučić die fehlende Bereitschaft zu Kompromissen: "Wenn Sie die heutige Situation analysieren, glaube ich, dass niemand Frieden sehen will. Jeder will die Niederlage der anderen Seite sehen." Er warnte eindringlich davor, auf eine Niederlage Russlands zu setzen und forderte, alles zu unternehmen, um einen Waffenstillstand herbeizuführen: "Ich weiß nicht, wie man gegen Russland gewinnen kann, denn ich glaube nicht, dass das leicht geschehen wird. Denn letztlich ist Russland eine Atommacht und kann nicht ohne Weiteres von irgendjemandem angegriffen werden. Und wir brauchen eine Kompromisslösung, nicht die Niederlage irgendeiner Seite."

Russland führt seit fast viereinhalb Jahren einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Vorschläge der Ukraine und ihrer Verbündeten für einen Waffenstillstand hat Moskau in der Vergangenheit konsequent abgelehnt. Der Kreml verlangt seinerseits fundamentale Zugeständnisse, die jedoch einer Kapitulation der Ukraine gleichkämen.

In jüngster Zeit greifen die russischen Streitkräfte wieder verstärkt zivile Ziele im Nachbarland an. Die Ukraine greift ihrerseits mit ihren neuen Langstrecken-Drohnen die Erdölindustrie Russlands an, ebenso wie Rüstungsbetriebe und andere wichtige Infrastrukturobjekte, um Moskaus Kriegsführung zu erschweren.

Kiew will keinen Präzedenzfall schaffen, mit dem sich die Abspaltung des von Russland reklamierten Donbass und der Halbinsel Krim rechtfertigen ließe.

Vor dem Treffen waren Vučić und Selenskyj mehrfach bei Gipfeltreffen in anderen europäischen Ländern zusammengekommen. Erst Mitte Juli trafen sie sich beim Ukraine-Südosteuropa-Gipfel in Kiew – auch mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Dabei weigerte sich Vučić als einziger Teilnehmer, eine gemeinsame Erklärung über fortgesetzte Unterstützung für die Ukraine und höheren Druck auf Russland zu unterzeichnen.

Serbien unterhält gute Beziehungen zu Russland und hat sich als eines von wenigen europäischen Ländern nicht den EU-Sanktionen gegen Moskau angeschlossen. Zugleich liefert das Balkanland Waffen an die Ukraine, ohne dies offiziell zuzugeben.

Der Empfang des ukrainischen Präsidenten in Serbien löste in Russland Kritik aus. Russische Propagandisten warfen Vučić vor, die Partnerschaft mit Moskau zu verraten und der Ukraine bei der Kriegsführung gegen Russland zu helfen. Vučić verteidigte sich im Gespräch mit Döpfner: "Ich bin nicht hier, um es den Russen, Ukrainern oder irgendjemand anderem recht zu machen – außer den Serben." Er betonte, Wladimir Putin vor dem Besuch von Selenskyj nicht informiert zu haben. Die Beziehung zum Kremlherrscher sei zuletzt abgekühlt, sagte Vučić und gab an, "in letzter Zeit weniger Kontakt als früher" zu haben.

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https://www.t-online.de/nachrichten/ukraine/id_101381352/vucic-nach-selenskyj-treffen-anfang-eines-groesseren-krieges-.html
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