Tagesanbruch: Die vielleicht größte Bedrohung der Menschheit wird unterschätzt

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Social-Media-Post des AfD-Politikers Matthias Helferich auf TikTok. (Quelle: Guido Schiefer/imago)VorlesenAktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:001xArtikel teilenGuten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

Social-Media-Post des AfD-Politikers Matthias Helferich auf TikTok. (Quelle: Guido Schiefer/imago)VorlesenAktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:001xArtikel teilenGuten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

man sollte meinen, Deutschland sei ein weltläufiges Land, dessen Bevölkerung weiß, dass ihre Sicherheit und ihr Wohlstand von globalen Entwicklungen abhängen. Wer den gegenwärtigen Trubel in den Medien, Talkshows und Social-Media-Blasen betrachtet, kann sich des Eindrucks einer gewissen Provinzialität jedoch nicht erwehren. Auf den Bildschirmen geht es von morgens bis abends um den Erfolg der AfD und die Niederlage der CDU. Es geht um triumphierende AfD-Politiker und den schwachen Kanzler. Um die Frage, was die AfD nun vorhat, geht es – und um die Frage, wie lange der Kanzler noch Kanzler bleibt.

Auch bei t-online berichten wir dieser Tage viel über die AfD und Friedrich Merz, und ich möchte Ihnen gleich ein Gespräch dazu empfehlen, das sich wirklich lohnt. Aber vorher werfen wir wenigstens einen kurzen Blick über den deutschen Tellerrand und schauen nach, was am anderen Ende der Welt vor sich geht. Denn dort geschehen dieser Tage Dinge, die jeden Bundesbürger etwas angehen.

Zum Beispiel in Kalifornien. Dort haben die größten Digitalkonzerne ihre Zentralen, und deren beste Leute beschäftigen sich eigentlich nur noch mit einem Thema: Künstlicher Intelligenz. Firmen wie Anthropic, OpenAI, Google und Meta stecken gigantische Summen in die Entwicklung neuer KI-Modelle und den Bau riesiger Server-Parks. Sie liefern sich ein Wettrennen um die wirtschaftliche Vorherrschaft der Zukunft, bei dem jeder Tag zählt. Denn wer die mächtigste KI entwickelt, wird seine Kontrahenten überflügeln, und wer nicht mithält, könnte bald weg vom Fenster sein. Verzeihen Sie mir bitte das abgedroschene Wort, aber die Dynamik ist tatsächlich atemberaubend.

Bau eines KI-Datencenters in Kalifornien. (Quelle: SOPA/imago)Wie so oft, wenn ein Hype ausbricht, bleibt der gesunde Menschenverstand auf der Strecke. So ist es auch bei den Digitalstrategen im KI-Rausch. Nur wenige Entwickler scheinen kritisch zu reflektieren, was sie da gerade treiben, und noch weniger sprechen öffentlich darüber. So wie der Forscher Jacob Coxon, von dem mein Kollege David Schafbuch Ihnen schon im gestrigen Tagesanbruch berichtet hat. Dieser junge Mann hat eine Nachricht im Netzwerk X veröffentlicht, über die seit drei Tagen die gesamte Digitalbranche spricht. Seinen Job bei Anthropic hat er an den Nagel gehängt, weil er nicht länger an einer hochgefährlichen Technologie mitarbeiten will. In seinem Post berichtet er von vertraulichen Gesprächen mit KI-Strategen: "Die Menschen, die KI bauen, glauben ernsthaft, dass diese uns alle bis zum Ende des Jahrzehnts töten könnte." Der Beitrag verbreitete sich millionenfach, amerikanische Fernsehsender berichteten aufgeregt. Den Moderatoren war anzumerken, wie schwer es ihnen fiel, die Tragweite zu begreifen: "Wie soll KI uns denn töten?", fragte eine von ihnen immer wieder.

An dieser Stelle sei allen Tagesanbruch-Lesern, die nun möglicherweise beunruhigt auf ihrem Stuhl herumrutschen, ein beruhigendes Wort gegönnt: Sie müssen nicht befürchten, dass morgen das Ende der Welt naht. Noch steht der Kaffee auf dem Tisch und das Auto vor dem Haus. Was allerdings in den nächsten fünf bis zehn Jahren geschehen könnte, sollte tatsächlich jeden Zeitgenossen beunruhigen. Evan Hubinger, einer der wichtigsten Köpfe bei der Firma Anthropic, beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass KI in den kommenden zehn Jahren alle Menschen auf dem Erdball töten könnte, auf "größer als zehn Prozent". Andere Vordenker stimmen ihm zu. Immer offensichtlicher wird, dass hier eine Technologie entsteht, die auf dem Weg ist, sich zu verselbstständigen. Schon jetzt häufen sich Fälle, in denen sich KI-Modelle der menschlichen Kontrolle entziehen.

Die meisten Menschen denken an "Terminator"-Maschinen und Roboter-Armeen, wenn sie von KI-Dystopien hören. Das ist Unsinn und der Grund, warum so wenige Leute die wahren Gefahren erkennen. Sollte eine Künstliche Intelligenz tatsächlich irgendwann zu einer Bedrohung für die Menschheit ausarten, dürfte dies auf andere Weise geschehen.

Denkbar ist vieles. Ein KI-System könnte biologische oder chemische Erreger aus Laboren freisetzen. Oder Angriffe auf Stromnetze, Wasserversorgungs- und Verkehrssysteme starten. Oder den größten Banken-Crash aller Zeiten provozieren. Oder die Codes von Atomwaffenarsenalen in einem Staat wie Nordkorea oder Russland knacken und die Raketen auf eine andere Atommacht abfeuern.

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Alles fürchterlich, aber zum Glück derzeit noch unwahrscheinlich. Die unmittelbare Gefahr liegt viel näher: Ein KI-System könnte den Menschen die Gabe rauben, den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge zu erkennen. Dann wäre es ein Leichtes, ihnen vorzugaukeln, dass ihre Nachbarn Feinde sind. Dass Politiker Kriminelle sind und echte Verbrecher vertrauenswürdige Personen. Von dieser Wahrnehmung wäre es nicht mehr weit bis zum gewalttätigen Konflikt. Wie leicht sich Menschenmassen durch Propaganda manipulieren lassen, hat die Geschichte der vergangenen hundert Jahre bewiesen.

Tatsächlich sind freie demokratische Gesellschaften wie die deutsche anfällig für Beeinflussung. Hier beziehen immer mehr Bürger ihre Informationen ausschließlich aus den "sozialen Medien", die in Wahrheit abgrundtief asoziale Züge angenommen haben. Schon heute lassen sich viele Leute durch Social-Media-Beiträge zu den absonderlichsten Handlungen verleiten. Und schon heute ist ein Großteil der Beiträge dort KI-generiert.

Instagram-Account der AfD-nahen "patriotischen Frauengruppe" Lukreta. (Quelle: Bode/imago)Damit sind wir am Ende dieses langen Textes wieder bei der AfD angelangt. Denn keine andere deutsche Partei setzt Social Media so geschickt ein, um Ängste zu schüren, politische Kontrahenten zu diffamieren, Lügen zu verbreiten – und ihre Anhängerschaft zu vergrößern, indem sie dieser klare Feindbilder vermittelt: die Ausländer, die Wissenschaftler, die ukrainische Führung, die Bundesregierung.

So entsteht eine mächtige Waffe. Vor einiger Zeit fragte ich Francis Fukuyama, einen der klügsten Intellektuellen der USA, wie der Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen in westlichen Gesellschaften zu erklären sei. "Die Wurzel des Problems ist Social Media", lautete seine Antwort. "Ein großer Teil der Polarisierung und der extremen Wut wird dadurch befeuert, dass so viele Menschen mittlerweile in Online-Gemeinschaften leben. Dort erleben sie eine völlig andere Welt als die tatsächliche Realität. Sie bekommen ungeprüfte Informationen und glauben diese. Der Zorn entsteht durch die Kombination aus den toxischen Mechanismen der 'sozialen Medien' mit kulturellen und wirtschaftlichen Verwerfungen. Das ist eine extrem gefährliche Mischung."

Francis Fukuyama warnt vor den sozialen Medien. (Quelle: Leonardo Cendamo/Getty Images)Ich glaube, Mister Fukuyama hat recht. Es mag viele Faktoren geben, die Menschen verärgern und ihr Vertrauen in Institutionen untergraben. Aber eine gemeingefährliche Bedrohung entsteht erst durch digitale Verstärker, die negative Emotionen so lange schüren, bis Millionen Herzen vereist und Hirne randvoll mit Hass gefüllt sind. Dann können Gesellschaften kippen. Dafür muss man gar nicht in die USA schauen, es genügt schon ein Blick in deutsche Wahlkämpfe. Sollte dann auch noch eine KI die Steuerung übernehmen, könnte es irgendwann vorbei sein mit dem menschlichen Zusammenhalt.

Zum Glück ist es noch nicht so weit. Noch lebt hierzulande eine Mehrheit friedliebender, empathischer und rationaler Zeitgenossen, denen an einem gedeihlichen Zusammenleben gelegen ist. Tagesanbruch-Freunde zählen ganz bestimmt dazu. Deshalb empfehle ich Ihnen zum Schluss unseren Wochenend-Podcast, in dem ich mich mit unseren Reportern Annika Leister und Florian Schmidt über die politische Lage unterhalte: Wer bildet nun in Sachsen-Anhalt die Regierung? Warum könnten die Wahlergebnisse in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin am kommenden Wochenende überraschender ausfallen als gedacht? Hält Kanzler Merz weiter durch? Und welche Reformen werden denn nun umgesetzt? Zuhören lohnt sich:

Anschließend wünsche ich Ihnen ein Wochenende voller Zuversicht. Vielleicht gönnen Sie sich mal eine kleine Digital-Auszeit. Dann kann Sie auch niemand manipulieren.

Original Source
https://www.t-online.de/nachrichten/tagesanbruch/id_101432014/tagesanbruch-die-vielleicht-groesste-bedrohung-wird-immer-noch-unterschaetzt.html
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