Unter einem Dach: Wie Kita-Kinder und Senioren voneinander lernen
Mehrgenerationenhaus Wie Kita-Kinder und Senioren voneinander lernen Stand: 30.09.2026 • 19:01 Uhr
Sie singen und spielen gemeinsam - und schenken sich Lebensfreude: Im Harz leben Kita-Kinder und Pflegeheimbewohner unter einem Dach. Fachleute sehen in dem Modell auch einen Hoffnungsschimmer im Kampf gegen Demenz.
Im Mehrgenerationenhaus in Blankenburg findet Fußball im Sitzen statt. Der 92-jährige Werner Bannasch und andere Bewohner des Pflegeheims im Harz haben bereits im Garten in zwei Reihen einander gegenüber Platz genommen, als die Kinder der integrierten Kita ins Freie stürmen.
"Sitzfußball", ruft ein Kind. Um den letzten freien Platz entsteht ein kurzes Gerangel - aber hier darf jeder mal. "Das Schönste sind die Spiele, die wir machen", sagt Bannasch. "Es ist immer was los." Seine eigenen Kinder, Enkel und Urenkel leben außerhalb von Blankenburg. Doch im Mehrgenerationenhaus kommen er und die anderen Bewohner ganz alltäglich in Kontakt mit den Kita-Kindern.
Bei den Mahlzeiten haben sie die Wahl zwischen der Begegnungsstätte und ruhigeren, zurückgezogenen Räumlichkeiten. Und mindestens einmal die Woche finden gemeinsame Aktivitäten statt: Sitzfußball, Backen, Spaziergänge und sogar ein Kneipp-Becken ist im Garten.
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Die Idee für Kita und Pflege unter einem Dach entstand zunächst aus der Not heraus. Denn für die Kita mit 100 Plätzen gab es nicht genug Kinder, eine Pflegeeinrichtung des Trägers entsprach nicht mehr den Anforderungen. Die Zusammenlegung habe sich bewährt - mittlerweile seit fast 20 Jahren, sagt Einrichtungsleiterin Doreen Irrgang: "Gesund älter werden hat ganz viel mit sozialen Kontakten zu tun."
Die regelmäßigen Begegnungen mit den Kindern aktivierten die Pflegeheimbewohner, beobachtet sie. Selbst wenn ein demenzieller Prozess schon in Bewegung sei, würden viele Erinnerungen geweckt. "Gerade wenn wir mit den Kindern Lieder singen, dann stimmen die mit ein", sagt Irrgang. "Das ist immer wieder so ein Überraschungsmoment, der ist ganz herzerwärmend."
Wie sich speziell der Kontakt mit Kindern auf das Altern auswirkt, ist bisher kaum untersucht. Doch nicht nur Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck und Diabetes haben einen entscheidenden Einfluss auf das Demenz-Risiko. "Soziale Kontakte an und für sich sind generell protektiv", betont Demenzforscherin Francisca Rodriguez. Am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) leitet sie die Forschungsgruppe für psychosoziale Epidemiologie und öffentliche Gesundheit.
Schätzungen des DZNE zufolge dürfte die Zahl der Demenz-Erkrankten bis zum Jahr 2050 auf bis zu 2,7 Millionen steigen. 2023 waren es noch 1,8 Millionen. Die Krankheit ist damit häufiger als die meistverbreiteten einzelnen Tumorarten.
Sind Mehrgenerationenprojekte also die Antwort, um hochbetagte und pflegebedürftige Menschen stärker sozial einzubinden und letztlich den Beginn einer Demenz hinauszuschieben? Rodriguez sieht zumindest Hinweise, dass der Umgang mit Kindern sich hier günstig auswirken kann. Gerade zur Rolle von Emotionen zeige die Forschung immer wieder spannende Ergebnisse. Beim Tanzen, Musikmachen, bei kreativen Tätigkeiten etwa seien Effekte zu beobachten, "die einen wichtigen Einfluss haben könnten für das Wohlbefinden, den Verlauf von einer Demenzerkrankung und die neuropsychiatrische Symptomatik", erklärt die Wissenschaftlerin. Noch verstehe man aber nicht so richtig, was das sei.
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Ob Pflegeheim und Kita unter einem Dach oder andere nachbarschaftliche Begegnungsmöglichkeiten: Eine nachhaltige Finanzierung für solche Projekte sei in jedem Fall sinnvoll, sagt Rodriguez. "Wenn man durch solche Projekte die Teilhabe aktiv erhalten kann und auch die neuropsychiatrischen Symptome verringern kann und gegebenenfalls auch die individuelle Leistungsfähigkeit länger aufrechterhalten könnte, dann sinken ja auch wieder die Krankenkosten im Allgemeinen."
Denn die Kosten, die mit Demenz einhergehen, sind enorm: Dem DZNE zufolge lagen allein die direkten medizinischen Kosten im Jahr 2023 bei etwa 38 Milliarden Euro. Die informelle - also unbezahlte - Pflege durch Angehörige machte demnach weitere 45 Milliarden Euro aus.
MDR aktuell: Kita und Pflegeheim unter einem Dach MDR Fernsehen, 25.09.2026 • 21:45 Uhr Kombination aus Kita und Pflege bisher selten Deutschlandweit gibt es bisher nur wenige Einrichtungen wie das Mehrgenerationenhaus in Blankenburg. In Weißenfels etwa betreibt das Deutsche Rote Kreuz einen Mehrgenerationencampus, in Halle kooperieren ein Altenpflegeheim der Paul-Riebeck-Stiftung und eine Montessori-Grundschule eng miteinander, im sächsischen Cunewalde entsteht gerade ein Neubau, der Krippe und Tagespflege ab dem kommenden Jahr miteinander verbinden soll.
Dass von dem Miteinander keineswegs nur die Alten profitieren, unterstreicht in Blankenburg die Leiterin des Mehrgenerationenhauses. Die Kinder lernten so einen natürlichen Umgang mit Alter und Pflegebedürftigkeit - mit Trauer und Tod, aber eben auch den schönen Seiten des Alterns: etwa, wenn Bewohnerinnen und Bewohner des Pflegeheims neue Freundschaften oder sogar eine neue Partnerschaft knüpfen.
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Nach bald 20 Jahren sei auch das Personal der unterschiedlichen Bereiche gut zusammengewachsen, erklärt Irrgang. Dass Kita und Pflegeheim denselben Träger teilen, mache in der Organisation manches einfacher, als wenn sich zwei Träger zusammentun müssten. Dennoch würde sie sich wünschen, dass für Häuser wie ihres neben Pflegeschlüssel und Erzieherschlüssel auch an die Schnittstellen gedacht werde. Dafür brauche es schon mehr Personal.
Die Warteliste für das Mehrgenerationenhaus in Blankenburg ist jedenfalls lang. Auch Ingrid Schrader kam zunächst in ein anderes Pflegeheim, bevor sie hier einen Platz fand. Die ehemalige Säuglingsschwester sieht nur Vorteile. Natürlich seien die Kinder auch mal laut - "aber wenn es heißt 'leise sein', dann machen sie das auch. Sie sind ganz artig." Die 89-Jährige und die vierjährige Meena neben ihr lächeln sich kurz an.
Dieses Thema im Programm: MDR | MDR aktuell | 25.09.2026 | 21:45 Uhr
