USA-Reise von Pistorius: Es ist etwas in Bewegung gekommen
USA-Reise von Pistorius Es ist etwas in Bewegung gekommen Stand: 19.09.2026 • 00:40 Uhr
Vier Tage war Verteidigungsminister Pistorius in den USA. In Washington, New York und Fort Worth in Texas wird schnell klar, dass sich etwas verändert hat: Das Interesse der USA am Bündnispartner scheint neu erwacht.
Es ist die erwartet große Show. Dramatische Musik, actionreiche Videos und große Worte. Nach einer halben Stunde ist es soweit: der Vorhang fällt. Und dann steht er da. Der erste deutsche F-35A-Kampfjet. "Danke für die Gänsehaut", sagt Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD).
Der Kampfjet ist, wenn man so will, ein echtes "Zeitenwende-Kind". 2022, kurz nach Russlands Angriff auf die Ukraine, fiel nach jahrelangen Diskussionen die Entscheidung, das Modell des US-Anbieters Lockheed Martin zu kaufen.
Der F-35A-Tarnkappenjet soll die in die Jahre gekommenen Tornados der Bundeswehr ablösen, die im Ernstfall US-Atomwaffen transportieren würden. Sie sind damit wesentlicher Teil des NATO-Abschreckungskonzepts der nuklearen Teilhabe.
In Texas hat Bundesverteidigungsminister Pistorius den ersten von 35 Kampfjets des Typs F-35A übernommen. mehr
Die Übergabe ist ein bedeutender Schritt aus Sicht des deutschen Verteidigungsministers. Es kommt nicht allzu oft vor, dass ein neuer Kampfjet eingeführt wird. Weshalb in Fort Worth nicht nur Vertreter der Bundeswehr anwesend sind, sondern auch Bundestagsabgeordnete und Vertreter der deutschen Rüstungsindustrie.
Der F-35A gilt als das derzeit modernste Kampfflugzeug der Welt. Deutschland hat 35 Stück bestellt. Für den Kampfjet vom US-Hersteller Lockheed Martin spricht aus Sicht des Ministers seine Tarn-Eigenschaften, eine besonders leistungsfähige Sensorik und die Fähigkeit, große Datenmengen zu sammeln und zu einem vollständigen Lagebild zu verarbeiten.
Ein weiterer Pluspunkt aus Sicht des Verteidigungsministeriums: Der F-35A wird von vielen Verbündeten genutzt. Das vereinfacht die Zusammenarbeit, ob bei der Wartung, bei Übungen oder eben auch im Einsatz.
Erster F-35 für Deutschland: Pistorius nimmt Tarnkappen-Jet in Texas entgegen Gudrun Engel, ARD Washington, tagesschau, Das Erste, 18.09.2026 • 20:00 Uhr Sorge vor Abhängigkeit Allerdings gibt es auch Kritik. Der HighTech-Kampfjet gilt als wartungs- und instandsetzungsintensiv. Das wirkt sich auch auf die Einsatzbereitschaft aus. Einem Bericht des US-Rechnungshofs zufolge lag sie bei den USA im vergangenen Jahr bei 28 Prozent der Maschinen, im Rest der Flugzeugflotte bei mehr als 60 Prozent. Deutschland hat vorsorglich ein großes Wartungs- und Servicepaket mitbestellt. Das hat den Stückpreis noch einmal in die Höhe getrieben.
Sorgen, dass sich Deutschland damit noch abhängiger von US-Systemen machen könnte, teilt Pistorius nicht. Auch bei der Luftwaffe wird immer wieder darauf hingewiesen, dass das Programm multinational sei. Rumpfteile für den F-35A werden unter anderem im nordrhein-westfälischen Weeze hergestellt. Der angeblich eingebaute Ausschalter, der Kill Switch, sei ein Mythos. Wenn irgendwann Updates ausblieben, erklärt er im Bundeswehr-Podcast, oder Datenbanken veralten, dann könnten natürlich Probleme auftreten.
Dass häufig über zu große Abhängigkeiten von den USA gesprochen wird, spiegelt die Skepsis, das in Teilen verloren gegangene Vertrauen in die Trump-Administration wider. Pistorius Rezept dagegen ist eine stärkere Verzahnung, um gegenseitige Abhängigkeiten zu schaffen.
Sein Vorstoß, die Produktion zu verschränken, um den enormen Bedarf an Waffen auf beiden Seiten des Atlantiks zu decken, stieß in Washington auf offene Ohren. Gemeinsam mit seinem amerikanischen Amtskollegen, dem US-Verteidigungsminister Pete Hegseth, unterzeichnete er eine Absichtserklärung. Dabei geht es um mehr Zusammenarbeit, um den aktuell besonders hohen Bedarf zu decken.
Viel Lob für den jeweils anderen gab es beim Treffen der Minister in Washington. mehr
Deutschland bietet an, freie Kapazitäten im eigenen Land für die Produktion von hochmodernen Rüstungsgütern zu nutzen. Dabei geht es nicht nur um Aufträge für die heimische Industrie, um Wertschöpfung und Arbeitsplätze. Es geht auch um den Zugang zu Technologien und Systemen, die zu den besten der Welt gehören und in Europa derzeit nicht hergestellt werden können.
Die Kooperation soll aber keine Einbahnstraße bleiben. So bietet Rheinmetall gerade mit, um den künftigen Schützenpanzer des US-Heeres bauen zu können. Dabei geht es um ein Angebot für die Lieferung von mehr als 4.000 Panzerfahrzeugen.
Wie viel am Ende tatsächlich geht, wird die Zeit zeigen. Da macht sich Pistorius keine Illusionen. Für Zuversicht sorgt, dass sich der Ton gegenüber der Bundesregierung verändert hat. Auch wenn der Empfang des deutschen Verteidigungsministers das zunächst nicht vermuten ließ. Ein höflicher Handshake mit Hegseth am Auto, Nationalhymnen, knappes Lächeln in die Kamera. Offizielles Zeremoniell. Aber eben auch nicht mehr.
Beim Gesprächsauftakt gab es dann aber statt der fast schon üblichen Kritik Lob. Dafür, dass Deutschland sich bei den Verteidigungsausgaben dem Fünf-Prozent-Ziel der NATO annähert, viel in Rüstung investiert und eine Führungsrolle in Europa übernommen hat. "Wir sehen heute große Fortschritte, die vor der Rückkehr von Präsident Trump ins Amt niemand für möglich gehalten hätte", betonte Hegseth.
Das Gespräch sei offen und entspannt gewesen, sagt Pistorius später. Auch der geplante Abzug der US-Streitkräfte aus Deutschland war Thema. Der Entscheidungsprozess in den USA läuft noch. Deutschland ist mit aktuell etwa 38.000 Soldaten wichtigster US-Standort in Europa. Und soll das, wenn es nach der Bundesregierung geht, auch bleiben.
Aber auch ein anderes Signal ist dem deutschen Verteidigungsminister wichtig. Dass es trotz der weltweit angespannten Lage nicht nur um Aufrüstung und Waffen geht. Auch deshalb hat Pistorius Termine bei den Vereinten Nationen (UN) gemacht. Sie drehen sich um die Rolle der UN und um Friedensmissionen. Sie sind immer schwieriger zu finanzieren.
Deutschland werde sich weiter engagieren, verspricht Pistorius. Auch bei einer möglichen neuen Libanon-Mission. Denn auch in der Frage, wie es nach dem Ende des UNIFIL-Blauhelm-Einsatzes weitergeht, ist inzwischen Bewegung gekommen.
Das alles lässt den deutschen Verteidigungsminister zuversichtlich auf die kommenden Monate schauen. Auch wenn er, wie er betont, kein Freund von Enthusiasmus sei. Schließlich wisse jeder, dass sich die Halbwertszeit vieler Dinge deutlich reduziert habe.
Dieses Thema im Programm: Das Erste | tagesschau | 18.09.2026 | 20:00 Uhr

