Was Beschäftigte in der Autoindustrie dem Management vorwerfen
Automobil-Aktionstag der IG Metall "Arbeitnehmer sollen die Misswirtschaft ausbaden" Stand: 21.09.2026 • 17:56 Uhr
Ob bei Zulieferern oder den Herstellern - bei Beschäftigten in der Autoindustrie wachsen die Sorgen. Beim Aktionstag der IG Metall machen sie ihrem Ärger Luft - etwa in Baden-Württemberg.
Antonio Lupo findet es zu einfach, immer nur bei den Arbeitnehmern den Rotstift anzusetzen. "Wir sind hier, um unsere Tarifverträge zu verteidigen", sagt der 53-Jährige. Denn die sieht er in Gefahr. Lupo ist Betriebsratsvorsitzender beim Autozulieferer Mahle in Eislingen und Teil der Delegation, die heute im Filstal, südöstlich von Stuttgart, gegen Stellenabbau und für den Erhalt von Arbeitsplätzen und Tarifstandards in der Branche demonstriert. Die Aktion ist Teil des bundesweiten Automobil-Aktionstages der Gewerkschaft.
Es ist eine kleine Delegation um Lupo, auch die Betriebsräte der anderen Autozulieferer vor Ort haben wenige Leute geschickt. Hier gehe es heute nicht um Masse, sagt IG-Metall-Geschäftsführer Michael Kocken. Sondern um eine Botschaft. Deswegen richtet sich der Blick der Beteiligten auf die gut vier Quadratmeter Asphalt am Straßenrand vor ihnen. 200 Spielzeug-Autos sind dort aufgebaut, nochmal gut genauso viele Spielzeugfiguren. Mit kleinen Plakaten und darauf stehenden Botschaften zum Erhalt der 35-Stunden-Woche. Die ist in der Metall- und Elektroindustrie seit Jahrzehnten tariflich vereinbart - doch jetzt sieht die Gewerkschaft sie in Gefahr.
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Politik und Arbeitgeber hätten sich in der Krise der Automobilindustrie gemeinsam die Arbeitnehmer als Ziel ausgeschaut, sagt Kocken. "Sie fordern, dass wir später in Rente gehen, länger arbeiten, billiger werden, unsere Tarifverträge in Frage stellen." Dabei machten die Lohnkosten der Beschäftigten im Schnitt nur rund 17 Prozent der Unternehmenskosten aus. "Trotzdem sollen wir jetzt ausbaden, was die Arbeitgeber lange Zeit verschlafen haben."
Das Filstal ist dafür symptomatisch: Seit Jahrzehnten gehört es zu den traditionellen Industrieregionen im "Autoland" Baden-Württemberg, war geprägt von Metallverarbeitung, Maschinenbau und zahlreichen Zulieferern der Autoindustrie. Einst reihte sich hier Zulieferer an Zulieferer, in fast keinem Auto aus dem nahen Stuttgart war nicht ein Teil verbaut, das hier angefertigt worden ist.
Doch allein im vergangenen Jahr gingen hier insgesamt 1.800 Arbeitsplätze verloren. Bei Allgaier in Uhingen, einst ein industrielles Schwergewicht der Region, verloren mit der Schließung Ende 2025 rund 600 Menschen ihren Job. Auch andere Unternehmen bauten Stellen ab: Der Schaumstoffzulieferer Neveon schloss seinen Standort in Ebersbach, rund 100 Beschäftigte waren dort betroffen. Bei ContiTech in Eislingen sollen rund zehn Prozent der Belegschaft wegfallen, das entspricht einem Stellenabbau im mittleren zweistelligen Bereich. "Unsere ganze Region ist betroffen, wenn die Automobilindustrie den Bach runtergeht", warnt Kocken.
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Deutlich mehr Menschen, die gleichen Botschaften: Bei Mercedes-Benz in Sindelfingen haben sich am Vormittag laut IG Metall 20.000 Beschäftigte zur Kundgebung eingefunden - die größte in Baden-Württemberg. Auch sie halten Plakate hoch. "Ola raus" steht auf einem - eine klare Ansage an Konzernchef Ola Källenius und seinen Sparkurs.
Der Vorstand habe jegliches Gespür für die Beschäftigten verloren, sagt Gesamtbetriebsratschef Ergun Lümali. "Wir brauchen Vorstände, die zu ihrer Mannschaft stehen und nicht bei jeder Gelegenheit sagen, dass die Belegschaft verzichten muss. Wenn jemand verzichtet, dann sollen sie oben beginnen."
Niemand wolle schönreden, wie es um die Automobilindustrie in Deutschland und Europa stehe. Aber wenn alle Sparmaßnahmen auf Kosten der Arbeitnehmer gingen und nicht auf Kosten anderer, etwa der Aktionäre, die sich nach wie vor hohe Dividenden auszahlen ließen - da mache die Gewerkschaft nicht mit. Die Arbeitnehmerseite habe mit den vergangenen Sparprogrammen schon genug geleistet. Zu weiteren Einschnitten sind sie hier derzeit nicht bereit.
Bei Mercedes laufen bereits umfangreiche Sparmaßnahmen: Der Konzern baut Stellen über Abfindungen ab, streicht Managementposten und lagert Aufgaben aus. Zudem sollen Material- und Produktionskosten sinken. Im Juni verschob Mercedes außerdem eine tarifliche Sonderzahlung für rund 90.000 Beschäftigte auf 2027 und forderte längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich.
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Zuletzt sorgte ein Bericht der Wirtschaftswoche für Aufsehen: Demnach konfrontiert Mercedes seine deutschen Beschäftigten mit Vergleichen der Arbeitskosten und Arbeitszeiten ausländischer Werke. So solle etwa eine Arbeitsstunde im US-amerikanischen Tuscaloosa knapp 18 Prozent günstiger sein als in Deutschland, im rumänischen Cugir sogar 82 Prozent.
Statt über solche Vergleiche ein Klima der Angst zu schüren, brauche es klare Ansagen, so Betriebsratschef Lümali. "Was will der Vorstand mit den deutschen Standorten anstellen? Wir wollen wissen, welche Investitionen hier getätigt werden, welche Produkte nach Deutschland an unseren Standorten kommen und wir wollen wissen, wie die Zukunft von Mercedes aussieht", fordert er.
Im gut 50 Kilometer entfernten Filstal ist der Spielzeug-Auto-Protest der Zulieferer nach einer guten Stunde beendet. Das nächste Mal, verspricht IG-Metall-Geschäftsführer Kocken, seien dann auch wieder mehr echte Menschen da. Das "nächste Mal", damit meint er die Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie. Diese starten am 7. Oktober. Die IG Metall hat mit dem Automobil-Aktionstag heute schon einen Vorgeschmack gegeben, wie der Ton in den Verhandlungen ausfallen könnte.
Dieses Thema im Programm: SWR Fernsehen | SWR aktuell | 21.09.2026 | 16:00 Uhr


