Was New Yorks Muslime nach 9/11 durchmachen mussten
Bedrohungen und Festnahmen Was New Yorks Muslime nach 9/11 durchmachen mussten Stand: 11.09.2026 • 15:37 Uhr
Nach dem 11. September wurden viele Muslime in New York angefeindet, verhaftet oder ausspioniert. Heute ist ein Muslim erstmals Bürgermeister der Stadt. Er wurde nun Ziel einer islamophoben Kampagne.
Shahana Hanif war gerade mit ihrer Schwester zusammen auf dem Weg in die Moschee, als plötzlich ein Auto vor ihnen anhält. Der Fahrer kurbelt das Fenster runter und beschimpft die beiden als "Terroristen". Hanif war damals zehn Jahre alt. Die Anschläge vom 11. September lagen erst ein paar Wochen zurück.
"Kein Kind sollte so was Gemeines hören", meint die heute 35-Jährige, die im New Yorker Stadtteil Brooklyn im Viertel Kensington aufgewachsen ist, wo viele - wie sie - bengalische Wurzeln haben.
Dieses Erlebnis hat Hanif motiviert, politisch aktiv zu werden. Als Jugendliche schließt sie sich einer Gruppe an, die vor Haftanstalten demonstriert: "Wir haben uns solidarisch gezeigt mit Muslimen, die ohne Anklage festgehalten wurden und denen man Terrorismus vorwarf."
Shahana Hanif wurde als Kind als "Terroristin" beschimpft. Heute sitzt sie im New Yorker Stadtrat - und erlebt immer noch Anfeindungen.
In den Wochen nach den Anschlägen verhafteten Bundesbehörden US-weit mehr als 700 Einwanderer aus dem Nahen Osten und Südasien - einen Großteil in New York und Umgebung. Die meist muslimischen Männer wurden verdächtigt, Verbindungen zu Terroristen zu haben. Später gab das US-Justizministerium zu, keine ausreichenden Beweise für die Anschuldigungen gehabt zu haben.
Auch Asad Dandia ist in einer muslimischen Familie in New York aufgewachsen. Er hat pakistanische Wurzeln und ist Mitbegründer der gemeinnützigen Organisation Muslims Giving Back. Gemeinsam mit Freunden und Bekannten hat er bedürftigen Familien aus seiner Nachbarschaft Lebensmittel und Mahlzeiten gebracht. Zentrale des Vereins war die von ihm besuchte Moschee, ganz am Rand der Stadt, im Viertel Brighton Beach.
Im März 2012 erhält Dandia eine Nachricht bei Facebook. Ein junger Mann möchte in seiner Organisation mithelfen und zurück zu seinem Glauben finden. Für Dandia keine ungewöhnliche Anfrage.
Er lädt den Fremden zu einem Essen ein und freundet sich mit ihm an: "Er hat bei mir übernachtet, meine Eltern getroffen, das Essen meiner Mama gegessen. Wir haben zusammen gebetet, sind umhergezogen. Ich würde sagen, wir waren ziemlich eng."
Doch dann der Schock: Der neue Freund legt ein Geständnis ab. In Sozialen Medien schildert er, dass er von der New Yorker Polizei gezwungen wurde, sich als Informant in Dandias Organisation einzuschleichen. Die Behörde hatte ihn wegen Drogendelikten festgenommen und vor die Wahl gestellt: Gefängnis oder Spionage.
Dandia ist fassungslos: "Ich war entsetzt und wusste nicht, was ich anderes tun sollte, als zu beten." Später erfährt er, dass er nicht alleine ist.
Damit sich der 11. September 2001 nie wiederholt, baute Washington einen gewaltigen Überwachungsapparat auf. mehr
Nach dem 11. September spionierte die New Yorker Polizei anlasslos Moscheen, Studentengruppen und muslimische Unternehmen in der ganzen Stadt aus. Nie ergaben sich daraus Hinweise. Keine einzige Ermittlung wurde eingeleitet.
Die Geschichte von Asad Dandia wird publik. Eine Anwaltskanzlei kommt auf ihn zu und lädt ihn zu einem Treffen ein. Gemeinsam mit anderen Opfern reichen die Anwälte Klage gegen die New Yorker Polizei (NYPD) ein - unterstützt von der bekannten Amerikanischen Bürgerrechtsunion (American Civil Liberties Union).
Asad Dandia wurde von einem Freund ausspioniert - und ging später mithilfe der Nichtregierungsorganisation American Civil Liberties Union juristisch gegen die New Yorker Polizei vor.
Der Druck auf die NYPD wird immer größer. Eine nach den Terroranschlägen gegründete Einheit zum Ausspionieren von Muslimen wird 2014 offiziell aufgelöst. Im Jahr 2017 einigen sich die Kläger und die Stadt New York auf einen Vergleich. Die Polizei muss strenge Richtlinien und Kontrollmechanismen für Überwachungspraktiken aufstellen.
Diese Erfahrungen haben eine ganze Generation junger Muslime in New York geprägt. Dass Zohran Mamdani 25 Jahre nach den Terroranschlägen erster muslimischer Bürgermeister ihrer Stadt geworden ist, macht ihnen Hoffnung.
Die Angriffe vom 11. September 2001 auf die USA hatten Konsequenzen, die bis heute nachwirken. mehr
Denen, die glauben, dass Islamfeindlichkeit jetzt überwunden wäre, widerspricht Shahana Hanif allerdings vehement. Sie wurde im Jahr 2021 zur ersten muslimischen Stadträtin New Yorks gewählt und erlebt immer noch Anfeindungen.
Besonders ärgert sie sich über eine Petition, die auch von einigen Familien der 9/11-Opfer unterstützt wird.
Die Unterzeichner wollen nicht, dass Mamdani zur diesjährigen Trauerfeier kommt: "Kein anderer Politiker wurde je gebeten, einer solchen bedeutenden Trauerfeier fernzubleiben. Und meiner Meinung nach gibt es Politiker - egal ob demokratisch oder republikanisch - die furchtbare Dinge gesagt und getan haben. Es ist unfair und ich finde auch völlig unangebracht, so was zu fordern", sagt Hanif.
Zohran Mamdani ist der erste Bürgermeister von New York City mit muslimischem Glauben. Gegen seine Teilnahme an der Gedenkveranstaltung an Ground Zero gibt es eine Petition - davon will sich der Demokrat aber nicht abhalten lassen.
In der Petition wird Mamdani vorgeworfen, sich nicht klar von extremen pro-palästinensischen Parolen zu distanzieren und sich mit umstrittenen Akteuren zu umgeben. Gemeint ist unter anderem Mamdanis juristischer Chefberater, Ramzi Kassem, der in der Vergangenheit mutmaßliche Al-Kaida-Terroristen in Guantánamo vertreten hatte.
Auch der ehemalige republikanische Bürgermeister von New York, Rudy Giuliani, ist der Ansicht, dass Mamdani nicht bei der 9/11-Gedenkfeier anwesend sein sollte. Beim rechtskonservativen US-Fernsehsender Newsmax wirft er Mamdani Antiamerikanismus vor und verbreitet die Verschwörungserzählung, dass Muslime die USA übernehmen wollen. "Mamdani ist ein klarer Befürworter davon", fügt Giuliani hinzu.
Mamdani selbst bekräftigt seit Tagen, dass er trotz der Vorwürfe an der Trauerfeier teilnehmen werde: "Ich bin stolz, Bürgermeister dieser Stadt zu sein. Ich liebe diese Stadt und ich liebe dieses Land." Er wolle den Fokus auf die Familien richten, denen vor 25 Jahren ihre Angehörigen entrissen wurden, und auf die Ersthelfer.
"SEPTEMBER" erzählt die Geschichte der Terroranschläge neu - verdichtet auf die 30 Tage eines Monats, der das 21. Jahrhundert prägte. Zu sehen in der ARD-Mediathek und am 11.09. um 20:15 Uhr im Ersten. ardmediathek
Dieses Thema im Programm: MDR aktuell – Das Nachrichtenradio | Die Reportage - Geschichten hinter den Nachrichten | 06.09.2026 | 11:35 Uhr

