Was Wähler in Russlands Provinz beschäftigt
Reportage Vor der Duma-Wahl in Russland "Es gibt eine große Unruhe" Stand: 17.09.2026 • 12:33 Uhr
Brennende Ölterminals, Drohnenangriffe, Benzinmangel an den Tankstellen: Wird sich die aktuelle Situation in Russland auf die Parlamentswahl ab Freitag auswirken? Eine Reportage aus der Stadt Twer.
Auf der Zugstrecke zwischen den Metropolen Moskau und St. Petersburg liegt die Stadt Twer. Eine der ältesten Städte in Russland. Im Zentrum gibt es noch zahlreiche antike, mit schönen Ornamenten verzierte Blockhäuser aus Holz. Sie drohen allerdings zu verfallen.
Deshalb kommt Jaroslaw nach dem Feierabend mit Freunden zusammen, um sie zu restaurieren und vor dem endgültigen Verfall bewahren.
"Tom Sawyer Fest" heißt das Projekt. Der Name bezieht sich auf den Roman von Mark Twain, wo der Held gezwungen wird, zur Strafe einen Zaun zu streichen und dann seinen Freunden vorgaukelt, dass das ein großes Vergnügen sei - woraufhin sie begierig sind, ihm die Arbeit abzunehmen, während er sich weiter herumtreiben kann.
"Tom Sawyer Fest" ist eine unabhängige Organisationen der Zivilgesellschaft mit Ablegern in mehreren russischen Städten. Doch insgesamt gibt es nur noch wenige solche unabhängige Organisationen in Russland - die meisten wurden verboten oder unter Druck gesetzt. Weitermachen kann, wer sich lokal engagiert und vor allem unpolitisch ist.
Auch dieses Haus in Twer ist vom Verfall bedroht - Freiwillige wollen versuchen, es zu erhalten.
Vor der Parlamentswahl, die am Freitag beginnt und über drei Tage abgehalten wird, beschäftigt ein Thema viele Bürger: "Man spürt die Stimmung in der Gesellschaft, es gibt eine große Unruhe wegen der Gerüchte um eine Mobilmachung nach den Wahlen", sagt Jaroslaw. "Es ist unklar, was mit dem Benzin ist. Die Inflation ist ziemlich hoch. Und das merkt man deutlich an den Preisen."
Auf einem lokalen Markt am Stadtrand von Twer verkaufen einige Anbieter auf dem Bürgersteig Tomaten, ein paar Zehen Knoblauch, getrockneten Fisch. Hier stehen vor allem Rentnerinnen und Renter, die sich etwas dazu verdienen müssen. Tatjana hat Preiselbeeren im Angebot, selbst gepflückt in ihrem Dorf.
Sie bezieht umgerechnet rund 190 Euro Rente im Monat und liegt damit knapp unter dem Durchschnitt: "Die Rente reicht nicht. Wovon soll man leben? Und wie sehen die Preise aus? Ein Wahnsinn - ob Medikamente oder Lebensmittel. Und ich muss auch Brennholz für den Winter kaufen."
Dennoch: Laut Umfragen führt weiterhin die Partei Einiges Russland. Es ist die Partei, der Kremlchef Wladimir Putin nahe steht, verlässlich in seinem Sinne handelt und in der bisherigen Duma mit 315 von 450 die mit Abstand größte Fraktion stellt.
Auf dem Bürgersteig verkaufen diese Bürger in Twer ihre Produkte - es ist ein Versuch, die schmale Rente etwas aufzubessern.
Die Wahlen seien wichtig, sagen die Leute hier. Das haben sie aus der Sowjetzeit gelernt - damals herrschte Wahlpflicht, ohne dass es eine wirkliche Wahl gegeben hätte.
Heute wählen sie freiwillig und aus sehr unterschiedlichen Gründen. Der Rentner Wadim will die aktuelle Regierung unterstützen: "Ich gehe hin, weil unsere Jungs im Krieg sind. Man muss sie unterstützen. Es ist schließlich unser Russland, unsere Großväter haben gekämpft. Wäre ich 40, würde ich selbst hingehen. Aber jetzt braucht mich niemand mehr."
Alle Parteien, die jetzt zur Parlamentswahl zugelassen sind, wollen den Krieg fortsetzen und kritisieren das System Putin nicht. Mit Jabloko wurde die einzige Partei, die gegen den Krieg ist, ausgeschlossen. Die meisten Menschen in Russland aber wissen ohnehin, dass ihre Stimme bei den Wahlen nichts am System ändern wird.
Die russische Oppositionspartei Jabloko stellt sich offen gegen den Krieg - nun hat das Oberste Gericht sie von der Parlamentswahl ausgeschlossen. mehr
Auch das Vertrauen in die Staatsmedien und die Zeitungen sei ziemlich gering, erzählt die Kioskverkäuferin Inna. Mit einer Ausnahme:
Kunden habe sie nicht mehr viele, sagt Inna. Zeitungen würden nur noch die alten Leute kaufen.
Im ganzen Land werben die zugelassenen Parteien vor der Wahl - doch auch in Twer ahnen viele Bürger, dass das Wahlergebnis schon längst feststeht.
Auf der vorletzten Seite stehen in der Lokalpresse die aktuellen Todesanzeigen. Auffallend ist: Es sind immer mehr junge Männer aufgelistet. Inna stellt ernüchtert fest: "Du kannst nichts tun. Das einzige ist ausharren, am Leben bleiben. Wir können ja das Land nicht gegen ein anderes austauschen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als tatenlos abzuwarten und zuzusehen, wobei wir vor vielem die Augen verschließen, damit es nicht zu sehr wehtut."
Die Regierung lockt mit hohem Sold. Daher ziehen gerade Männer aus der Provinz in den Krieg. Anders als in den großen Städten fällt es auf den Dörfern verstärkt auf. Vor allem, sagt Wadim, wenn die Männer nicht mehr zurückkommen. Und das seien "nicht nur viele, sondern furchtbar viele. Von uns sind Freunde begraben, alle da hinten. Keine Ahnung, wahrscheinlich sind schon fünf Hektar Feld mit unseren Leuten belegt. Und mit jedem Monat immer mehr."
Wie viele es genau sind, weiß niemand. Statistiken von Gefallenen veröffentlicht die russische Regierung nicht mehr. Auch niemand sonst darf Zahlen verbreiten - das könnte als bewusste Falschinformation über die Armee ausgelegt werden. Darauf stehen bis zu 15 Jahre Haft.
Also schweigen viele Menschen in Russland einfach, passen sich an oder versuchen, im kleinen Kreis noch ein wenig Freiraum zu finden.
Offizielle Zahlen der im Krieg Gefallenen veröffentlicht Russland nicht - doch auffällig ist, dass in den Zeitungen immer mehr junge Menswchen auf den Listen der Toten auftauchen.
In der restaurierten Fußgängerzone von Twer spielt ein älterer Herr auf einem Akkordeon die russische Nationalhymne. Die Menschen schlendern an ihm vorbei und genießen die letzten warmen Sonnenstrahlen des Jahres. Nur wenige verschlägt es in das Kulturzentrum. Seit Kriegsbeginn seien die Spenden für das Projekt um 70 Prozent weggebrochen, erzählt Jaroslaw, der das Zentrum leitet.
Besucherinnen und Besucher seien weniger geworden, auch, weil viele das Land verlassen hätten: "Für alle Fälle haben wir uns dazu entschlossen, uns einfach zu schützen. Einige Bücher mussten wir entfernen, aufgrund der politischen Situation, nach dem Jahr 2022. Wir sprechen nicht öffentlich darüber. Ich denke, alle verstehen, dass es Risiken gibt."
Kunst, Architektur und lokale Identität - das sind jetzt die Schwerpunkte im Kulturzentrum. Politikwissenschaftler lädt Jaroslaw nicht mehr ein. Früher gab es Vorlesungsreihen über Demokratie oder Geschichte. Das ist vorbei.
Die Menschen in Russland wissen, dass sie mit ihrer Stimme wohl nichts an der aktuellen Situation ändern können. Sie können maximal das bestehende System unterstützen.
Dieses Thema im Programm: Das Erste | Weltspiegel | 13.09.2026 | 18:30 UhrBR24 Radio | Nachrichten | 12.09.2026 | 15:27 Uhr

