Wie eine Brücke ein Dorf belebt
mittendrin Hängeseilbrücke Geierlay Wie eine Brücke ein Dorf belebt Stand: 26.09.2026 • 10:07 Uhr
Leere Häuser, wenige Kinder, klamme Kasse: Mörsdorf in Rheinland-Pfalz kämpfte mit Zukunftssorgen. Jetzt kommen Touristen in den Ort - und bringen Trubel, aber auch Geld. Wie das gelungen ist? Mit einer außergewöhnlichen Brücke.
"Mir geht es großartig", sagt Deveny Stultjens und lacht. "Meine Beine zittern und meine Hände sind schwitzig." Die junge Frau aus den Niederlanden hat gemeinsam mit ihrer Mutter die ersten 100 Meter der Hängeseilbrücke Geierlay im Hunsrück gemeistert. Die Brücke verspricht Adrenalin pur: Sie überspannt mit Holzbohlen und einem Geländer aus Stahlseilen ein 360 Meter breites Tal. Wenn es wie heute etwas windig ist, wiegt die Konstruktion leicht nach links und rechts.
"Ich fühle mich richtig stark und mutig, dass ich das heute mache und mich traue", berichtet Jutta Klein. Der Blick nach unten ist eine Mutprobe: Bis zu 100 Meter tief geht es ins Tal, nur Bäume und unten ein kleiner Bach. Tim Bleuel ist mit seiner Familie schon zum zweiten Mal da: "Beim ersten Mal bin ich bei der Hälfte umgedreht. Jetzt wollen wir es bis zum Schluss schaffen."
Im Oktober 2015 wurde die Brücke nahe des 600-Einwohner-Dorfes Mörsdorf eröffnet. Seitdem haben mehr als 3,2 Millionen Menschen die Brücke besucht. Die Attraktion hat der Hunsrückgemeinde einen Platz auf der touristischen Landkarte verschafft und Entwicklungschancen eröffnet, von den andere Dörfer meist nur träumen können.
Die Hängeseilbrücke bei Mörsdorf lockt seit mehr als zehn Jahren Touristen ins Hunsrück.
Vor dem Bau der Brücke kämpfte Mörsdorf mit leerstehenden Häusern, nur noch wenigen Kindern in der ortsansässigen Grundschule, klammer Kasse - kurz: mit Zukunftssorgen.
Bei Gesprächen zur Dorfentwicklung entstand dann eine ungewöhnliche Idee, erzählt Bürgermeister Marcus Kirchhoff. "Industrieansiedlung fiel weg, wir sind zu weit von der Autobahn entfernt. Dann blieb eigentlich nur noch Tourismus und da kam die Idee auf, eine Brücke zu bauen." Anfangs wurden die Mörsdorfer für die Pläne belächelt. Doch der Erfolg gibt den Verantwortlichen recht. Finanziert wurde die Brücke mit staatlichen Fördermitteln und Einnahmen des Dorfes aus der Windkraft.
Der Nervenkitzel auf der Geierlay-Brücke ist kostenlos. Nur die Parkplätze, die nach und nach am Ortsrand der Gemeinde entstanden, sind gebührenpflichtig. Fünf Stunden kosten 15 Euro. Pro Jahr kommen so 700.000 Euro zusammen. Das Geld finanziert den Unterhalt der Brücke und ermöglicht Investitionen in die Zukunft.
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Im Frühjahr hat das Mehrgenerationenhaus Wunderlay seine Türen geöffnet - ein moderner, mehr als sechs Millionen Euro teurer Holzbau, der Kindertagesstätte, Grundschulhort, Küche und vieles mehr vereint. Öffentliche Zuschüsse, die Einnahmen aus Parkplatzgebühren und Windkraft finanzierten den Bau. Das Gebäude ist als Treffpunkt für Jung und Alt gedacht und sieht von oben aus wie ein "Dorf im Dorf": Statt einem großen Gebäude gibt es mehrere kleine Bereiche mit Satteldach, die miteinander verbunden sind.
Hauptnutzer ist die Kita Wunderlay: Um 9 Uhr starten aktuell 28 Kita-Kinder mit dem Morgenkreis in den Tag. Danach können die Kinder in verschiedenen Räumen spielen, lernen, toben. Draußen gibt es einen großen Spielplatz, einen Parcours für Trettraktoren oder Bobbycars und Hochbeete mit Pflanzen.
"Wir verstehen uns als Mehr-Generationen-Projekt“, erklärt Leiter Joshua Gude. Neben der Kita gebe es auch einen Hort mit Hausaufgabenbetreuung für die Grundschulkinder nach dem gemeinsamen Mittagessen. "Gleichzeitig haben wir jetzt auch begonnen, hier Senioren mit einzubeziehen", sagt Gude.
Seit kurzem kommt Birgit Börsch regelmäßig zu Besuch. Die pensionierte Lehrerin ist Hobby-Imkerin und kümmert sich mit den Kindern um das Bienenvolk im Kita-Garten. "Niemand hätte geglaubt, dass in so einem kleinen Ort wie Mörsdorf mal so eine Kindertagesstätte entsteht, die auch das Generationenübergreifende immer im Blick hat", freut sich Birgit Börsch.
Ein "Dorf im Dorf": Das Mehrgenerationenhaus Wunderlay ist ein neuer Treffpunkt im Ort.
Ab 12 Uhr gibt es Mittagessen - für Kita-Kinder, Grundschulkinder und Senioren. Auf dem Speiseplan stehen Kartoffeln mit Quark und Ofengemüse - frisch zubereitet vom Küchenteam. Für die Kinder ist die Mahlzeit kostenlos, Senioren zahlen drei Euro: gemeinsames Essen, subventioniert durch die Brücken-Parkplätze.
"Alleine zu Hause, es schmeckt nicht so wie in der Gesellschaft", erzählt Seniorin Hiltrud Scheuren. Sitznachbar Waldemar Strunk freut sich, viele Neuigkeiten beim Gespräch am Mittagstisch zu erfahren. "Auch von früher wird hier viel gesprochen, da wird das richtige Mörsdorfer Platt gesprochen", sagt er und lächelt.
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Die Einnahmen durch die Touristenattraktion haben in Mörsdorf viel möglich gemacht. Mit der Ruhe auf dem Dorf ist es an Wochenenden oft vorbei - der Preis für einen neuen Treffpunkt mit Traum-Kita. Auf dem Dorflohmarkt sind Anwohner unterwegs, die sich an den Trubel gewöhnt haben.
"Hier ist immer ein bisschen was los im Dorf. Gegen Abend sind die Leute alle wieder weg", berichtet Anwohnerin Andrea Schmitz. "Wenn so ein Kindergarten hier entsteht, das ist schon eine tolle Sache. Es ist ja auch angedacht, dass noch was für die Senioren gemacht wird. Da bin ich natürlich begeistert“, sagt Elisabeth Bauer. Diese Meinung teile aber nicht jeder im Ort, gerade den Durchgangsverkehr empfänden manche als belastend.
Die Mörsdorfer haben die Zukunft ihres Ortes in die Hand genommen. Sie hoffen, dass die Dorfgemeinschaft vom Haus Wunderlay profitiert und die Brücke weiter für Einnahmen sorgt.
Dieses Thema im Programm: Das Erste | tagesthemen | 21.09.2026 | 22:10 Uhr

