Wie Lotte Reiniger den ersten Animationsfilm drehte
Erster animierter Spielfilm Als Lotte Reiniger die Silhouetten laufen lehrte Stand: 24.09.2026 • 13:14 Uhr
Landläufig gilt Disneys "Schneewittchen" als der erste lange Animationsfilm. Doch bereits elf Jahre vor Disney animierte die Deutsche Lotte Reiniger "Die Abenteuer des Prinzen Achmed", ein Silhouetten-Märchen aus "1001 Nacht".
Zart, feingliedrig und wunderschön - auch nach hundert Jahren faszinieren die Silhouetten-Figuren von Scherenschnitt-Künstlerin Lotte Reiniger. Tapfere Prinzen und liebreizende Himmelsjungfrauen bevölkern ihren Märchenfilm "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" genauso wie finstere Zauberer, wilde Hexen und grausige Monster.
66 Minuten dauert der Film, der heute als frühester noch erhaltener animierter Langfilm gilt. In Sachen Scherenschnittkunst bleibe Lotte Reiniger bis heute eine Ausnahmeerscheinung, sagt Kuratorin Evamarie Blattner vom Stadtmuseum Tübingen. Hier ist Reinigers Nachlass Teil der Dauerausstellung. "Wie sie mit so großem Einfühlungsvermögen und handwerklichem Geschick diese Figuren geschnitten hat, das ist eine Kunstform, die sie beherrscht hat wie kaum jemand anderes."
Schon als Kind begeistert sich Lotte Reiniger für das noch junge Medium Film. Der Stummfilmstar Paul Wegener - heute vor allem durch seine Rolle als "Golem" in Erinnerung - wird ihr großer Förderer. Er ist fasziniert von den Scherenschnitten, die die 16-jährige Reiniger hinter der Bühne des Deutschen Theaters von Schauspielerinnen und Schauspielern fertigt. Wegener engagiert Lotte Reiniger für die Illustration der Zwischentitel seiner Filme. Für "Der Rattenfänger von Hameln" fertigt sie 1919 dann ihre erste Animation: den Auszug der Ratten.
Im selben Jahr dreht sie am neugegründeten Berliner Institut für Kulturforschung mit "Das Ornament des verliebten Herzens" ihren ersten Silhouettenfilm. Hier vervollkommnet Reiniger ihre Animationstechnik: An einem von unten durch eine Glasplatte beleuchteten Tricktisch schiebt sie ihre Figuren Bild für Bild um wenige Millimeter weiter.
Am Institut arbeitet sie auch erstmals mit ihrem späteren Ehemann Carl Koch zusammen. Er wird ihr lebenslanger künstlerischer Partner. Reiniger dreht Werbe- und Kurzfilme und animiert später Sequenzen für große Spielfilme. Eine davon ist "Kriemhilds Traum", eine Schlüsselsequenz in Fritz Langs zweiteiligem Stummfilm-Epos "Die Nibelungen" von 1924.
Ausschneiden, positionieren, fotografieren - wenn der Zelluloidstreifen vorliegt, ist der größte Teil der Arbeit von Lotte Reiniger getan.
Bereits in den frühen Jahren sind es vor allem Märchen, die Lotte Reiniger auf die Leinwand bannt: "Da konnte sie ihre Fantasie und ihren Humor ausleben", erklärt Evamarie Blattner, "und da hat sie auch wirklich sehr pointiert mit ihrer Scherenschnittkunst erzählt."
Anfang 1923 wird der jüdische Berliner Bankier Louis Hagen auf Reinigers Filme aufmerksam. Auf dem Höhepunkt der Hyperinflation bietet er ihr die Mittel, um sich an einem eigenen Spielfilm zu versuchen. Hagen stellt Reiniger und ihrem fünfköpfigen Team ein Atelier über der Garage seiner Potsdamer Villa zur Verfügung, bezahlt Lebensmittel und das für die Produktion notwendige Filmmaterial.
Für ihren Langfilm wählt Reiniger einmal mehr einen Märchenstoff: die Erzählungen aus "1001 Nacht". Orientalische Sujets sind gerade in Mode, zudem lassen sich in ihren filigranen Silhouetten die Spitzbögen, Ornamente und Flechtband-Muster der maurischen Kunst besonders gut darstellen.
Reiniger kombiniert Motive mehrerer Märchen zu einer dramatischen Dichtung in fünf Akten, darunter "Prinz Achmed und die Fee Peri Banu", "Das Zauberpferd" und "Aladin und die Wunderlampe", das wohl bekannteste Märchen der Sammlung.
Drei Jahre arbeiten Lotte Reiniger und ihr Team an "Die Abenteuer des Prinzen Achmed". Reiniger schneidet die Figuren und Dekorationen, ihr Mann Carl Koch übernimmt die Aufnahmeleitung und Kontrolle der Technik. Für die flüssige Animation müssen 24 Bilder pro Sekunde aufgenommen werden. Insgesamt entstehen rund 250.000 Aufnahmen, von denen etwa 96.000 im fertigen Film landen.
Reiniger und Koch entwickeln für die Produktion des Films sogar den Tricktisch weiter: Mehrere übereinanderliegende Glasplatten verleihen den Animationen mehr Tiefe und ermöglichen aufwändigere Effekte. Es ist die Geburt der ersten Multiplan-Kamera, die später von Walt Disney weiterentwickelt und patentiert wird.
Am 2. Mai 1926 wird "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" erstmals bei einer privaten Pressevorführung in der Berliner Volksbühne gezeigt. Unter den Gästen befinden sich einige der wichtigsten Künstler der Weimarer Republik. Die offizielle deutsche Erstaufführung findet vier Monate später, am 3. September, im Gloria-Palast am Kurfürstendamm statt.
Aladin und die Wunderlampe - die filigranen Silhouetten, Spitzbögen und Ornamente der maurischen Kunst lassen sich im Scherenschnitt besonders gut darstellen.
International werden Lotte Reiniger und Carl Koch für ihren "Achmed" gefeiert. Dennoch bleibt es der einzige Langfilm in der Karriere von Lotte Reiniger. Zu aufwändig ist die Produktion, zu teuer und zu langwierig.
Nach "Achmed" arbeitet Reiniger wieder erfolgreich an Kurzfilmen, sie dreht mit Jean Renoir und Georg Wilhelm Pabst. Nach der Machtergreifung der Nazis verlassen Reiniger und Koch Deutschland und arbeiten fortan im Ausland. Währenddessen schreibt Walt Disney 1937 mit "Schneewittchen und die sieben Zwerge" Trickfilmgeschichte.
Über die Jahrzehnte geraten Reinigers Silhouettenfilme zunehmend in Vergessenheit. In den vergangenen Jahren beobachte sie jedoch wieder wachsendes Interesse, erklärt Kuratorin Evamarie Blattner.
2024 wird Lotte Reiniger posthum mit einem Annie Award, dem "Oscar der Animationsfilmbranche", geehrt. Eine späte, aber bedeutende Auszeichnung, so Blattner. Auch das Tübinger Museum als wichtigste Anlaufstelle weltweit erhalte immer mehr Anfragen aus den USA, Australien und ganz Europa zu Lotte Reiniger.
Was sie an Lotte Reiniger bewundere, so Blattner, sei, "dass Jung und Alt die Filme sehen können, dass sie auf unterschiedlichen Kontinenten - also in Europa, im arabischen und im asiatischen Raum - gezeigt werden können und da genauso verstanden werden wie in den USA. Das ist, finde ich, eine außergewöhnliche Leistung."
In "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" ist es zu guter Letzt die Magie von Aladins Wunderlampe, die das Böse bannt und das Happy End herbeiführt. Der Zauber, der Lotte Reinigers Meisterwerk innewohnt, ist auch nach hundert Jahren ungebrochen.
Dieses Thema im Programm: SWR Kultur am Abend | 23.09.2026 | 18:30 Uhr