Wie sich Female Body Horror mit Schönheitsidealen auseinandersetzt
Female Body Horror im Trend Muskelberge, Schönheitsideale und Körperhorror Stand: 15.09.2026 • 13:24 Uhr
Filme wie "Die Fliege" oder "Eraserhead" thematisierten erfolgreich Ekel und körperliche Verformung. Nun liegt "Female Body Horror" im Trend - ein Genre, das ähnlich ist, sich aber auf Frauen fokussiert.
Sie schlürft rohes Eiweiß und spritzt sich Steroide in diverse Muskelgruppen: Die Protagonistin in Verena Keßlers Roman "Gym" geht über ihre körperlichen Grenzen. Dabei ergattert sie den Job im Mega-Gym anfangs trotz ihres nicht typisch trainierten Körpers nur aufgrund der Notlüge, gerade ein Kind bekommen zu haben.
Auch in dem Film "Love Lies Bleeding" (2024) von Rose Glass bersten die Muskeln: Die umherziehende Bodybuilderin Jackie, gespielt von Katy M. O’Brian, trainiert für einen Wettkampf in Las Vegas. Auf der Durchreise begegnet sie in New Mexico Lou, die von Kirsten Stewart gespielt wird. Die beiden verlieben sich, doch dann kommen ihnen diverse Verstrickungen rund um Lous Familie in die Quere.
Jackie nimmt Steroide und wird dadurch immer wieder gewalttätig, vor allem gegenüber den Männern in Lous Familie. Gegen Ende des Films mutiert sie zu einer Riesin, weil ihre Muskeln sich ins Unermessliche dehnen, und reißt den gefürchteten Drogenboss und Vater von Lou (Ed Harris) mit einer Hand vom Boden.
Noch sieht alles nach einfachem Kraftsport aus, doch durch Doping und kriminelle Machenschaften wird sich das für Bodybuilderin Jackie bald ändern.
Dies sind Beispiele für das Genre des "Female Body Horror", welches aus Sicht weiblicher Protagonistinnen erzählt. Dieser Körperhorror ist ein Motiv, das immer häufiger in Filmen und Büchern auftaucht. Auch im Film "The Substance" (2025) von Coralie Fargeat dehnen, schmelzen und verformen sich Körper. Die 50-jährige Aerobic-Tänzerin Elisabeth Sparkle (Demi Moore) injiziert sich ein Serum, durch das sie sich in ein jüngeres Ich (Margaret Qualley) verwandelt. Doch das Serum wirkt immer nur wochenweise. Jede zweite Woche muss sie zurück in ihren alten Körper.
Beide Filme und das Buch spielen mit patriarchalen Vorstellungen des weiblichen Körpers. "The Substance" lege den "Male Gaze" - also den männlichen Blick - offen, sagt die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Patricia Gwozdz. "Man sieht, wie die Kamera schon immer den Frauenkörper zum absoluten Objekt gemacht hat, mit dem man alles tun kann."
Das Monster, das am Ende von "The Substance" aus der jüngeren und älteren Frau zusammenschmilzt, lernt schließlich sich selbst anzunehmen. "Die Masse hat Angst vor diesem neuen Wesen, was da auf einmal sich selbst akzeptiert, also absolute Body Positivity. Aber das wird nicht angenommen, und dann endet es in einem sehr schrägen, sehr grotesken Blutbad."
Das Genre Body Horror hat seine Ursprünge in Filmen wie "Die Fliege" (1987) von David Cronenberg oder "Eraserhead" (1977) von David Lynch. In diesen Filmen geht es um Kontrollverlust, Ekel, auch um ein Aufbegehren gegen gesellschaftliche Konventionen.
Der heutige feministische Dreh auf dieses Genre bedient sich ähnlicher Themen, findet Patricia Gwozdz: "Ich würde sagen, auch die damaligen Filme in den 80ern, von männlichen Regisseuren, hatten eine Dekonstruktion des Patriarchats vor Augen. (…) Auch da gibt es eine Kritik an der Männlichkeit, die im Kapitalismus verkauft wurde."
Sowohl der Roman "Gym" als auch der Film "Love Lies Bleeding" spielen auf eine andere Art mit körperlicher Grenzüberschreitung als "The Substance". Hier geht es darum, den männlichen Körper nachzuahmen. Die Stärke des neuen, aufgepumpten Körpers wirkt bedrohlich, da sie patriarchale Schönheitsideale aushebelt.
Die Protagonistin von "Gym" erhält zunächst viel Lob und Zuspruch, als sie durch das Training fitter und stärker aussieht. Doch mit immer exzessiveren Workouts, dem Verzehr von rohem Fleisch und der Einnahme von Steroiden kippt die Geschichte ins Groteske.
"Sie verliert auch ein bisschen die Kontrolle. [...] Ihr Körper verändert sich eben sehr extrem, von dem Idealbild im Fitnessstudio bis hin zu einer Bodybuilderin [...] Sie geht bis an die Schmerzgrenze", sagt Autorin Verena Keßler über ihre Protagonistin.
Bodybuilderinnen werden kritisch beäugt, weil ihre Körper nicht mehr "weiblich" aussehen, sagt Gwozdz. Als Bodybuilding in den 1980er-Jahren zum Trend wurde, habe es das Kriterium gegeben, dass man nicht zu männlich aussehen dürfe. "Also man durfte Muskeln haben, man sollte Muskeln haben, aber man musste gleichzeitig weiblich und schön sein", so Gwozdz.
Bodybuilderinnen sollten nie zu "männlich" wirken, erläutert die Kulturwissenschaftlerin Gwozdz.
Auch Veränderungen durch Menstruation, Geburt, Wechseljahre machen den weiblichen Körper zum perfekten Gegenstand für Body Horror. Der weibliche Körper entziehe sich auch so schon ständig der Kontrolle, meint Gwozdz. "Im Grunde ist der weibliche Körper ein Körper, der sich ständig selbst entgrenzt, oder entgrenzt wird von Prozessen."
Dass Female Body Horror aktuell so im Trend ist, hänge auch mit gesellschaftlichen Ängsten zusammen. Die Angst davor, Körper zu akzeptieren, die nicht konform sind mit gängigen Schönheitsidealen, spiegelt sich auch in der Debatte um Body Positivity. Und unser Umgang mit unrealistischen Idealen. "Was wir [auf Social Media] sehen an Verzerrungen der Realität (...), hat dazu geführt, warum sich heute weibliche Regisseurinnen so dezidiert mit diesem Thema auseinandersetzen wollen", findet Gwozdz.
Dieses Thema im Programm: SR Kultur | Der Nachmittag | 09.09.2026 | 16:45 Uhr
