Wie starre Hierarchien in Kliniken Machtmissbrauch ermöglichen

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Zahlen und Berichte zum Thema Machtmissbrauch haben in diesem Jahr eine Debatte unter Ärztinnen und Ärzten losgetreten. Fachleute sehen ein systemisches Problem aufgrund von starken Hierarchien in Krankenhäusern.

Exklusiv Facharztausbildung Wie starre Hierarchien in Kliniken Missbrauch ermöglichen Stand: 06.10.2026 • 06:21 Uhr

Zahlen und Berichte zum Thema Machtmissbrauch haben in diesem Jahr eine Debatte unter Ärztinnen und Ärzten losgetreten. Fachleute sehen ein systemisches Problem aufgrund von starken Hierarchien in Krankenhäusern.

Kara Krajewski braucht noch Wirbelsäulen-OPs für ihren Facharztabschluss als Kinder-Neurochirurgin. Ein Oberarzt habe das mitbekommen, sagt sie im Interview Reporterinnen von team.recherche. Der Oberarzt habe ihr dann angeboten, ihr die OPs zu geben, "wenn ich mich für ihn ausziehe".

In einer im April 2026 veröffentlichten Befragung von rund 9.000 Ärztinnen und Ärzten berichten 13 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten von sexueller Belästigung, 49 Prozent von Machtmissbrauch: Sie geben an gemobbt, schikaniert oder erniedrigt worden zu sein.

In den allermeisten Fällen (87 Prozent) sei dies von "Vorgesetzten" ausgegangen, vor allem von Männern. Der Marburger Bund, der die Befragung durchgeführt hatte und die Interessen von Ärztinnen und Ärzten vertritt, sprach daraufhin von einem "zentralen Strukturproblem".

In deutschen Krankenhäusern herrschten "nach wie vor traditionelle und bis heute starke Hierarchien", attestiert Arne Killmer, Fachanwalt für Arbeitsrecht. Reporterinnen von team.recherche haben mit Dutzenden Ärztinnen und Ärzten gesprochen, Fachleute befragt und Berufsordnungen ausgewertet. Ihre Recherchen zeigen: Wie stark Ärztinnen und Ärzte von ihren Vorgesetzten abhängig sind, unterscheidet sich je nach Fachrichtung. Besonders groß ist diese Abhängigkeit in der Chirurgie.

Angehende Chirurginnen und Chirurgen müssen eine vorgeschriebene Zahl an Operationen nachweisen. Ihre Vorgesetzten entscheiden, wer operieren darf - und können damit den Facharztabschluss verzögern oder sogar verhindern.

Obwohl rund 70 Prozent der Medizinstudierenden Frauen sind, dominieren Männer die Chirurgie: In den Herz- und Neurochirurgien liegt der Männeranteil sogar bei etwa 80 Prozent.

Die Dozenten sind oft berühmte Künstler und Musiker - und meistens nicht pädagogisch ausgebildet. mehr

Wer sich gegen Vorgesetzte wehrt, kann nicht immer auf Unterstützung hoffen. Auch das habe mit der Macht der Chefärzte zu tun, so Arbeitsrechtler Killmer: Chefärzte würden eine Art "Hofstaat" um sich scharren können, mit Ärztinnen und Ärzten, die möglicherweise weniger qualifiziert seien, dafür aber "loyal sind und das Spiel mitspielen". Ein Arzt beschreibt es im team.recherche-Interview so: Die Gunst des Chefs sei die einzige Währung im Krankenhaus.

Die Debatte hat inzwischen die Spitze der Ärzteschaft erreicht. Auf dem Deutschen Ärztetag im Mai zählten Medizinstudentinnen öffentlich "unangebrachte" Situationen auf, die sie vor Ort durch männliche Kollegen erlebt hatten. Im Publikum saß auch Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer: "Ich war überrascht. Von der Dimension und auch der Qualität der dort geäußerten Vorwürfe."

Sexismus und Machtmissbrauch müsse "abgestellt und sanktioniert werden", sagt Reinhardt. Die Bundesärztekammer hat einen Verhaltenskodex für Veranstaltungen wie den Ärztetag beschlossen. Doch die Abhängigkeit bei der Facharztausbildung bleibt. Reinhardt hält sie nur für begrenzt veränderbar. Es sei nicht "total vermeidbar, dass ich auch auf den Goodwill eines Menschen angewiesen bin."

Im April 2026 hatte die Ärztegewerkschaft Marburger Bund Vorschläge für die ärztliche Weiterbildung vorgelegt. Diese könnten in Teilen wohl auch die Abhängigkeit und Macht von Vorgesetzten verringern: Durch verbindliche und somit einforderbare "Lehrpläne" für die Weiterbildung oder die Einführung von Weiterbildungsteams mit einer maximalen Anzahl von auszubildenden Ärzten.

Ob solche Standards kommen, entscheidet rechtsverbindlich aber nicht die Bundesärztekammer, sondern die einzelnen Landesärztekammern (LÄK). Team.recherche hat alle 17 angefragt, ob sie die Vorschläge unterstützen und umsetzen wollen. Die LÄK Berlin und Schleswig-Holstein scheinen eine Vorreiterrolle einzunehmen: In den dortigen Weiterbildungsordnungen sind einige Vorschläge des Marburger Bundes bereits umgesetzt oder gehen in Teilen sogar darüber hinaus.

Anders in Sachsen: Die Landesärztekammer lehnt einige Vorschläge des Marburger Bundes "entschieden ab". Sie warnt vor mehr "Bürokratie und Ressourcenverbrauch". Statt neuer Regeln setzt Sachsen auf bestehende Strukturen: eine Ombudsstelle und Vor-Ort-Besuche bei Hinweisen auf Verfehlungen. In einzelnen Fällen kann die Kammer nach eigenen Angaben sogar die Weiterbildungsbefugnis entziehen.

Auch Baden-Württemberg, Bayern, Thüringen, Westfalen-Lippe und Mecklenburg-Vorpommern wollen Konflikte vor allem über Schlichtungsstellen und Ombudspersonen lösen. Die LÄK Nordrhein und Schleswig-Holstein bauen derzeit neue Ombudsstellen auf.

Andere Kammern geben die Frage zumindest teilweise weiter. Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Brandenburg und Thüringen verweisen auf die Bundesärztekammer. Diese erklärte auf NDR-Anfrage, dass die Vorschläge des Marburger Bundes bereits auf dem diesjährigen Ärztetag diskutiert worden seien. Auch können Maßnahmen in der Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer, an der sich wiederum die Landesärztekammern orientieren, verankert werden.

Gleichzeitig verweist die Bundesärztekammer auf die Kliniken selbst: Entscheidend sei auch, wie die Weiterbildung vor Ort organisiert werde. Mit Machtmissbrauch und Weiterbildung will sie sich beim Ärztetag im kommenden Jahr erneut beschäftigen.

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Kara Krajewksi sagt, sie habe sich wegen des Angebots des Oberarztes und weiterer Vorfälle an die Gleichstellungsbeauftragte ihrer Klinik gewandt. Diese habe ihr empfohlen, das Fach oder die Klinik zu wechseln.

Auf Anfrage bestätigt das Krankenhaus, Krajewskis Beschwerde erhalten und geprüft zu haben. Die Vorwürfe hätten sich allerdings nicht bestätigen lassen. Krajewski kündigte und verließ nach weiteren Anstellungen den Krankenhausbetrieb. Heute arbeitet sie als Palliativärztin.

Dieses Thema im Programm: ARD Mediathek | #Medtoo - Macht und Missbrauch im OP | 06.10.2026 | 00:00 Uhr, tagesschau.de | 11KM - Schikanen und Übergriffe: Sexismus in der Medizin | 06.10.2026 | 06:00 Uhr

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https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr/medtoo-machtmissbrauch-krankenhaus-100.html
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