Windenergiebranche: Milliardenpoker um Offshore-Parks

Direct Source Verification: This story is aggregated from Tagesschau (tagesschau.de). Full reporting rights and copyright belong to the primary publisher.
In der deutschen Nordsee wollte BP zwei riesige Windparks bauen. Doch die Arbeiten an den Projekten sind offenbar seit Monaten eingestellt. Das zeigen Recherchen von NDR, WDR und SZ.

Exklusiv Windenergiebranche Milliardenpoker um Offshore-Parks Stand: 22.09.2026 • 06:00 Uhr

In der deutschen Nordsee wollte BP zwei riesige Windparks bauen. Doch die Arbeiten an den Projekten sind offenbar seit Monaten eingestellt. Das zeigen Recherchen von NDR, WDR und SZ.

Dass in dem modernen, weißen Bürogebäude im Überseequartier in der Hamburger Hafencity die Zukunft der deutschen Offshore-Windbranche entstehen sollte, lässt sich von außen nicht einmal erahnen. Im Schaufenster wirbt ein Immobilienmakler für seine Objekte. Ein Firmenschild der BP Offshore Wind GmbH oder seiner Nachfolgerin der Jera Nex BP sucht man vergeblich.

Vor vier Jahren im Herbst 2022 war die Situation noch eine andere. Damals verkündete der Ölkonzern BP in einer Pressemitteilung, man wolle in Hamburg ein Offshore-Wind-Büro eröffnen und suche "nach engagierten Mitarbeitern, die den Wandel mitgestalten möchten". Ein knappes Jahr später, im August 2023, bot BP fast 6,8 Milliarden Euro für zwei Flächen in der deutschen Nordsee, bekam den Zuschlag und gab den Projekten den klangvollen Namen Oceanbeat East und Oceanbeat West.

Damit hatte BP das Recht - und auch die Pflicht - erworben, Windparks mit einer Kapazität von insgesamt 4 Gigawatt zu errichten. Doch die Arbeiten an den Projekten im Hamburger Büro wurden offenbar schon vor Monaten gestoppt, das zeigen Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung (SZ). Und vieles spricht dafür, dass der Konzern sie auch nicht wieder aufnehmen wird.

Für den Ausbau der Offshore-Windkraft in Deutschland wäre das fatal. Bislang stehen vor den deutschen Küsten Windräder mit einer Kapazität von etwas mehr als 10 Gigawatt. Die Oceanbeat-Projekte würden die Kapazitäten also um 40 Prozent steigern. Und diese neue Offshore-Windkraft ist längst eingeplant: Das Windenergie-auf-See-Gesetz sieht vor, dass bis zum Jahr 2045 Windräder mit einer Kapazität von 70 Gigawatt Strom nach Deutschland liefern. Scheitern die Projekte, könnte das direkte Auswirkung auf die Strompreise für alle haben.

Nach Informationen von NDR, WDR und SZ gehen Brancheninsider davon aus, dass der Stromgroßhandelspreis pro fehlendem Gigawatt um 500 bis 600 Millionen Euro im Jahr steigen könnte. Werden die 4-GW-Projekte von Jera Nex BP nicht realisiert, könnte dies also zusätzliche Stromkosten in Höhe von 2,2 Milliarden Euro im Jahr verursachen.

Vor drei Jahren noch hat Total Energies Milliarden geboten, um große Windparks vor der deutschen Küste zu bauen. mehr

Nach außen hatte Jera Nex BP bis zuletzt kommuniziert, dass es an den Projekten festhalten wolle. Doch Bundestagsabgeordnete berichten anderes. Michael Kellner hat als parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium unter Habeck die Offshore-Wind-Auktionen begleitet und ist als Energiepolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag weiter mit dem Unternehmen im Gespräch. Kellner sagt, "Störsignale" bei diesen Projekten hätte es schon eine ganze Weile gegeben. "Was neu ist, ist, dass ich aus dem Unternehmen gehört habe, sie wollen die Projekte nicht mehr umsetzen."

Andere Bundestagsabgeordnete berichten gegenüber NDR, WDR und SZ über ähnliche Gespräche. Als Grund habe man auf die Verzögerungen im Netzausbau und die seitdem gestiegenen Kosten verwiesen. Das Unternehmen versuche mit der Bundesregierung über eine Rückgabe zu verhandeln. Bislang ist das gesetzlich nicht möglich. Kellner fordert deshalb, dass im Rahmen der aktuellen Novelle des Wind-See-Gesetzes ein Mechanismus für eine solche Rückgabe geschaffen wird.

Dass entsprechende Gespräche mit Bundestagsabgeordneten stattgefunden haben, dementiert das Unternehmen nicht. Jera Nex BP schreibt aber auf Anfrage, eine Entscheidung, die Projekte nicht zu bauen, sei nicht gefallen. Man prüfe weiter verschiedene Optionen für die Projekte.

Allerdings gibt es zumindest im Hamburger Büro derzeit offenbar kein Personal mehr, dass die Projekte vorantreiben kann. Das operative Personal des verantwortlichen BP-Joint Ventures wurde Ende Juli 2026 entlassen oder freigestellt, so berichten es mehrere ehemalige Mitarbeitende. Auf konkrete Anfrage zu Entlassungen reagiert Jera Nex BP nur indirekt und schreibt: "Unsere derzeitige Personalausstattung beeinträchtigt die Fähigkeit zur Durchführung der erforderlichen Prozesse nicht."

Im Sommer 2025 hatte BP sein Offshore-Geschäft abgestoßen und an das Joint Venture Jera Nex BP ausgelagert. Seitdem verdichten sich die Signale, dass das Unternehmen das Interesse an den Projekten verliert. Die Auflösung des Hamburger Büros scheint dies zu bestätigen.

Die ehemaligen Mitarbeitenden berichten weiter, dass die Projekte nicht nur weit hinter dem Zeitplan lägen, sondern faktisch gestoppt seien. Weder Fundamente noch Turbinen oder Schiffskapazitäten für die Errichtung und Inbetriebnahme der Parks seien bestellt oder über Vorverträge gesichert. Auch für die Vermarktung des Stromes gebe es noch keine Verträge. Nach Ansicht verschiedener Branchenexperten müssten all diese Prozesse laufen, wenn die Windparks, wie vorgesehen, im Jahr 2032 in Betrieb gehen sollen.

Jera Nex BP verweist in diesem Zusammenhang auf die Verzögerungen im Netzausbau. Man habe die nötigen Prozesse an realistische Zeitpläne angepasst.

Die Energiekonzerne BP und Total Energies haben Milliarden in Offshore-Windparks investiert. mehr

Beim Netzbetreiber Tennet, ein Geschäftspartner von Jera Nex BP, sieht man das offenbar anders. Intern plant Tennet bereits seit Längerem mit einem Scheitern der Projekte, das zeigen sogenannte Szenarioberechnungen des Unternehmens, die NDR, WDR und SZ vorliegen. Das Unternehmen baut gerade die Netzanschlüsse für die Oceanbeat-Projekte - geschätzte Kosten 20 bis 30 Milliarden Euro. Die Arbeiten könnten und dürften im aktuellen Stadium nicht mehr gestoppt werden. Gerade würden tonnenschwere Bauteile für gigantische Umspannwerke auf See zusammengeschweißt, heißt es auf Anfrage.

Weiter teilt Tennet mit, dass bislang keine Absage der Projekte von BP vorliege. Tim Meyerjürgens, Vorstandschef von Tennet Deutschland, sagt: "Offshore-Flächen und Netzanschlüsse sind zu wertvoll, um sie über Jahre ungenutzt zu blockieren. Wir brauchen deshalb mehr Verbindlichkeit und frühzeitige Klarheit über die Realisierungschancen der Projekte." Tennet fordert deshalb über die Novelle des Wind-See-Gesetzes, die demnächst ins parlamentarische Verfahren geht, eine zusätzliche Frist einzuziehen. Projektierer müssten dann deutlich früher nachweisen, dass sie ihre Windparks auch tatsächlich bauen. Tun sie das nicht, könnten dann Projektrechte früher entzogen werden.

Und auch der Bundesverband Offshore-Wind (BWO) blickt skeptisch auf die Entwicklung. Stefan Thimm, Geschäftsführer des Verbandes, sagt: "Wir haben in unserem Verband natürlich auch einen Austausch darüber (...) und wir wissen schon länger, dass diese Projekte zum Scheitern verurteilt sind, wenn sich die Rahmenbedingungen nicht grundsätzlich ändern." Der Verband hatte deshalb bereits im Sommer gefordert, dass Regeln für eine Rückgabe von Projekten entwickelt werden müssten.

Das Wirtschaftsministerium wollte sich auf Anfrage nicht zu den Projekten einzelner Unternehmen äußern. Ein Sprecher betonte, dass man den Unternehmen, die in den Jahren 2023/24 Flächen ersteigert haben, bereits auf verschiedene Weise entgegengekommen sei. Grundsätzlich sei eine Rückgabe der Projekte gesetzlich nicht vorgesehen. Auch in dem Entwurf für die Novelle des Wind-See-Gesetzes ist keine entsprechende Regelung geplant.

Wie es rechtlich mit dem Projekt weitergehen wird, das Jera Nex BP offenbar loswerden möchte, ist deshalb völlig offen. Nach aktueller Rechtslage hätte die Bundesregierung frühestens im Herbst nächsten Jahres die Möglichkeit, dem Unternehmen die Projektrechte zu entziehen und die Flächen neu auszuschreiben. Bis dann ein neuer Projektierer die Arbeiten wieder aufnimmt, könnten Jahre vergehen.

Dieses Thema im Programm: tagesschau.de | Windenergiebranche - Milliardenpoker um Offshore-Parks | 22.09.2026 | 06:00 Uhr

Original Source
https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/bp-offshore-windparks-100.html
Visit Tagesschau ↗
SHARE STORY:
𝕏 f in

Related Coverage in Politics